Etwas Nachdenkliches…

Neben den dieser Tage grauenvollen Fakten der zunehmend kriegerischen Auseinandersetzungen der Menschen vor unserer Haustüre sollten wir nicht vergessen, dass die Welt aus mehr besteht als alleine aus unseren Handlungen, auch wenn man diesen Eindruck gewinnen könnte. Und ich rede hier weniger von Magie oder geheimen Mächten sondern ganz banal von den ganz alltäglichen Wundern des Lebens in uns und um uns herum.


Ich hatte bereits in meinem Artikel „Wider einen falschen Glauben“ angedeutet, dass solcherart „Glauben“ etwas ist, das auf dem Weg des Menschseins oder Menschwerdens eher hinderlich ist. Meine Lebenserfahrung ist, dass der Spruch, den der Nachrichtensprecher, Journalist und Fernsehmoderator der ARD, Ingo Zamperoni, immer am Ende der oft nicht angenehmen und eher belastenden Tagesnachrichten verlauten läßt: „bleiben Sie zuversichtlich“ nicht treffender sein könnte!


Muß man an einen „Gott“ glauben, an sich „Selbst“ oder an ein „Universum“, an welche man Wünsche richtet, die man erfüllt sehen möchte, um dieses Leben bewältigen zu können?


Während Zuversicht eine mit anderen teilbare, gewaltlose Grundeinstellung ausdrückt, führt Glauben hingegen bereits zu dogmatischen Auseinandersetzungen und Anfeindungen nach dem Motto: wer hat recht? Christlicher Glaube, Islamischer Glaube, Hindu Glaube, Buddhistischer Glaube, Verschwörungsglaube und Aberglaube spannen das Zelt der Zirkus-Arena unserer überflüssigen, menschlichen Auseinandersetzungen auf.


Denken wir doch einmal über „Urheberschaft“ nach. Ein heikles Thema, denn gemeinhein glaubt jeder von uns, dass er Herr oder Frau seines Tagesablaufs ist, bis auf die kleinen Unfälle, die uns das eine oder andere mal aus der Bahn werfen: dringenden Termin verpasst, weil keinen Parkplatz bekommen, Blechschaden auf dem Weg in den Urlaub, Autoschlangen vor der Tankstelle und und und….aber generell haben wir doch unser Leben im Griff, oder? Wir planen unsere Ausbildung, unsere Qualifikationen, unsere Karieren, unser Engagement, unsere Familien, unsere Freizeit, unsere Gesundheit, unsere Ernährung….klappt doch alles ganz gut, oder?


In der Neurowissenschaft ist längst bekannt, dass ein Handlungsimpuls in uns sich bereits motorisch manifestiert, bevor unser Wille den sogenannten „Entschluss“ dazu in unserem Gehirn bewußt macht. Aber halt mal - stellt das nicht unseren unbändigen Glauben an die eigene Urheberschaft unseres Handels dann in Frage?


Wenn die Urheberschaft aber in Frage gestellt wird, wie ist das dann mit den Folgeprodukten wie Stolz, Scham, Schuld, Verdienst?


Vielleicht ist unsere Autonomie des freien Willens doch eingeschränketer als wir denken. Ich habe mich viele Jahre damit befasst, auch indem ich speziellen spirituellen Lehren folgte, immer intensiv und voll auf die jeweilige vertrauend: authentische Kabbala, Vierter Weg, Advaita.


Die authentische Kabbala z.B. gehört zur essentiellen Grundlehre des Judentums und ist nicht zu verwechseln mit dem Hokuspokus der „roten Bändel“ einer Madonna. „Abrakadabra“ z.B. ist keine gewöhnliche Zauberformel, die Illusionisten und Zauberkünstler bemühen.  Es ist vielmehr der Ausdruck eines tieferen Zusammenhangs, und von den vielen Deutungen bevorzuge ich folgende, aus dem Hebräisch-Aramäischen abgeleitete: 


Die aramäischen Wörter אברא כדברא avrah k'davra, was so viel wie „ich werde erschaffen, während ich spreche“ bedeutet. Abra vom aramäischen 'bra', bedeutet "schaffen", Ka wird mit „während“ übersetzt und Dabra ist die erste Person des Verbs 'daber', "sprechen".


Es wird von einer Fähigkeit gesprochen, die im 1. Buch Mose dem „Schöpfer“ exklusiv  zugesprochen wird. Bei uns Menschen wird offensichtlich nicht so viel Gutes mit unseren Worten erschaffen, oder?


Doch zurück zur Kabbala, die viele derartige Zusammenhänge enthüllen kann. Die wesentliche Lehre, die ich nach 8 Jahren Studium bei der israelischen Gemeinschaft „Bnei Baruch“ mitgenommen habe ist jene: die wesentlichen Kräfte, die unser aller Leben tragen, das Leben der Pflanzen, der Tiere und der Menschen ist das Verhältnis von „Geben“ und „Nehmen“. Jede Interaktion auf dieser Erde ist geprägt von diesen beiden Kräften und sie repräsentieren eine Wertigkeit, wie Jesus so schön sagte: „Geben ist seliger denn nehmen“. 


Kann sich jemand eine Handlung vorstellen, die von diesen beiden Kräften unabhängig ist? Ich nicht! In der Kabbala representiert „Geben“ die Eigenschaft des „Schöpfers“ und „Nehmen“ die Eigenschaft des „Geschöpfes“. Was aber bedeutet „Geschöpf“ und was „Schöpfer“? Der „Schöpfer“ ist nicht der alte Mann mit grauem Bart im Himmel, der strafend Gericht hält über die Menschen, er ist vielmehr eine Metapher für all dasjenige, in dem sich alles wiederfindet, was diesen Planeten bevölkert und letzteres wird mit der Metapher „Geschöpfe“ beschrieben.


Wenn der Bauer z.B. das Feld bestellt, so kann er uns am Ende Getreide „geben“, welches wir uns dann „nehmen“ können, für eine Gegenleistung versteht sich. Wenn wir für das Brot bezahlen, „geben“ umgekehrt wir etwas und der Bäcker/Bauer „empfängt“. Aber zu allererst hat der Bauer „empfangen“, denn er hat das Saatgut zwar ausgebracht, aber es stammte nicht von ihm. Es stammte vom? Natürlich vom „Schöpfer“.


Wir sehen, die „gebende Kraft“ ist unendlich viel mächtiger als die „nehmende“ und sie ist originär, denn sie muss vor der „nehmenden“ existiert haben. Sie ist unergründbar, und sie ist mit dem Begriff „Scham“ verknüpft. Mit Scham meine ich jetzt nicht das Gefühl des ertappt werdens in einer Situation, sondern das grundlegende Gefühl eines jeden „Beschenkten“, der je nach Größe und Bedeutung des Geschenkes Scham gegenüber dem Schenker empfinden wird. Wir machen uns diese Selbstverständlichkeiten oft nicht wirklich klar, aber eine geschenkte Flasche Wein kann man schon mal mit Freude und ohne Scham annehmen, aber bei einem Diamantring oder einer Immobilie von jemand Fremden sieht das schon anders aus. Die Einschätzung des Schenkenden durch den Beschenkten spielt offensichtlich eine Rolle, ob man auf Augenhöhe agiert oder eben sich als „kleiner“ fühlt durch ein gemachtes Geschenk. Allerdings kann ich als Beschenkter dem von mir als höhergestellt erachteten Schenker durch Annahme des Geschenkes eine Freude machen….und schon löst sich die Scham auf. Das Verhältnis zwischen „Schöpfer“ und „Geschöpf“ ist also nicht auf Augenhöhe, genau das aber ist die Intension der „Schöpfung“. Das Geschöpf kann diese Aufenhöhe nur über seine Absichten, nicht über seine Handlungen erreichen!


Aber genug von dem kleinen Ausflug in die authentische Kabbala, bei der es im übrigen wesentlich um „Absichten“ geht, weniger um Handlungen. Wir haben ja gelernt, dass wir nicht wirklich Kontrolle über unsere Handlungen haben. Wenn ich aber etwas „nehme“ um zu „geben“ - die Absicht des Freude schenkens gegenüber des Gebers, ebenso wie dieser mir Freude schenken möchte - sind die Kräfte im Gleichgewicht, es besteht kein Grund zur Scham der Minderwertigkeit.


Ja, man kann sich minderwertig fühlen gegenüber der Größe des Geschenks „Leben“.


Von der Lehre des Advaita, der Nichtdualität, habe ich eben dies gelernt, dass unsere Handlung nicht unserer Urheberschaft unterliegen, sondern einfach nur geschehen - da ist eigentlich kein Raum für Stolz oder Verdienst aber damit auch nicht für Schuld oder Scham. Dennoch benötigen wir diese Konstrukte im täglichen Leben, solange obige Grundsätze sich noch nicht in jedem Bewusstsein manifestiert haben - wir können also auf Juristen und Gerichte noch nicht verzichten!


Der Vierte Weg nach Gurdjieff trägt zusätzlich dazu bei zu verstehen, warum wir Menschen oft anders handeln als wir eigentlich wollen. Wir machen also auch noch Fehler bei unserem Umgang mit unserer eingebildeten Urheberschaft von Handlungen. Auch hier kann man Jesus zitieren: „Herr vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun!“. Gurdjieff spricht von 3 Zentren in jedem Menschen, dem emotional orientierten Zentrum, dem Verstand orientierten Denkzentrum und dem körperlich betonten, motorischen Zentrum. Es gibt daher auch drei herkömmliche, spirituelle Wege: den des Yogi, den des Mönchs und den des Fakirs.

Der Yogi versucht durch seinen Geist das Unergründbare zu ergründen, der Mönch durch seine gefühlsmäßige Widmung, und der Fakir durch körperliche Disziplin. Gurdjieff plädiert für eine Austarierung aller drei Bestrebungen als Vierten Weg.


Die drei Zentren wirken zunächst, beim unentwickelten Menschen, autonom und willkürlich. Dabei kann ein Zentrum fälschlicher Weise die Aufgabe des anderen übernehmen: z.B. geraten manche Gespräche am Straßenrand zwischen sich begegnenden Mensch in oberflächlichen Smalltalk - ein Zeichen dafür, dass das motorische Zentrum die Aufgaben des Denkzentrums übernommen hat: man „plappert“ nur etwas daher. Meist bleiben solche Gespräche daher auch nicht gut in Erinnerung. Oder man kann versuchen rückwärts die Treppe hoch zu gehen und merken, wie das Denkzentrum dabei scheitert, die Aufgaben des motorischen Zentrums zu übernehmen usw..Insgesamt wird der unentwickelte Mensch von den willkürlich arbeitenden Zentren beherrscht und gleicht nach Gurdjieff eher einem Robotter - diese Einsicht hatten wir ja schon! Und hier wird nicht von Schulbildung oder Berufsqualifikation gesprochen, sondern von grundlegenderer Menschenbildung! Übrigens erklären diese drei Zentren auch unsere Neigungen, ob wir uns eher sportlich, intellektuell oder gefühlsmäßig orientieren. Die meisten Menschen stellen aber sogenannte Mischtypen dar.


Mit all dem Gesagten habe ich glaube ich eine Menge Stoff geliefert, womit man sich im Alltag auch einmal beschäftigen kann, wenn man so seinen wichtigen Angelegenheiten nachgeht. Vielleicht wirft das Gesagte auch einen anderen Blick auf die derzeitige Migrationsfrage, den Ukrainekrieg und den neuen Nahostkrieg?

 

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