Tagebuch der „Überwältigungen“ oder: „wie ich in mich hinausgehe“

Der folgende Beitrag handelt von mir selbst beim Versuch, meiner Buchempfehlung „In sich hinausgehen“ von Wolfgang Bernard persönlich zu folgen und hat ein offenes Ende….ein Tagebuch eben. Dieser Beitrag wird also ständig ergänzt und erweitert werden!


Der Auslöser


Neulich erinnerte mich ein Traum an einen Weg, den ich erstmals in 90er Jahren beschritten hatte, aber irgendwann wieder aus den Augen verlor: ich wollte mir selbst endlich auf die Schliche kommen.


Der Traum hatte zwei Komponenten: einen Versöhnungsaspekt und einen Aufdeckungsaspekt. 


Der Versöhnungsaspekt versöhnte mich mit mit meinem Groll gegen meine ehemaligen Kollegen im Beruf, der sich durch mein Überfunktionieren gegenüber meinem Arbeitgeber aufbaute: warum musst immer nur ich bei allen ehrgeizigen Projekten meiner Chefs an vorderster Front stehen?


Der Aufdeckungsaspekt nahm das Bild einer Prüfungssituation: ich kam zu spät zu einer Prüfung, mir wurden die Prüfungsformulare nachträglich  ausgehändigt: ich suchte das Deckblatt um meinen Namen einzutragen und scheiterte bereits fullminant beim Schreiben meines Namens: „zu dumm, den eigenen Namen zu schreiben, meine Identität zu dokumentieren“!


In Folge des Traumes erinnerte ich mich an ein Buch, das ich in den 90ern durchgearbeitet hatte: „In sich hinausgehen - mit NLP zum Ur-Credo“ von Wolfgang Bernard. Doch davon später.


Eingezwängt in Beruf und Familie, in Pflichten, Gehorsam und Funktionstüchtigkeit im gesellschaftlichen Sinne, mit allen verbundenen Ängsten des versagen könnens, des entlarvt und ertappt werden könnens, des unbedingten Vermeidens von Fehlern und der absoluten Kontrolle über etwas, das ich „mein Leben“ nannte, stieß ich schließlich auf echte Hilfe aus „dem Leben“ selbst. 


Bisher hatten allerlei Hobbies meine permanenten Selbstüberforderungen im Leben einigermaßen kompensiert, oder waren diese schmerzlichen Überforderungen, die diese Hobbies als Kompensation erforderten, bereits ein wichtiger Fingerzeig zu mir selber? Wann würde ich diese Inkompetenzkompensationskompetenz endlich aufgeben können? Leider gab es einige Wegkreuzungen in meinem Leben, an denen ich mich lieber für die Beibehaltung meiner so erzielten sozialen Komfortzone entschied, als lieber das Wagnis eines Neuanfangs im Sinne meiner „wahren“ Bedürfnisse und meiner wahren Bestimmung einzugehen. Ich ignorierte den Gesang der Sirenen, wie es Wolfgang Bernard ausdrücken würde.


Rückblick


Wie so oft legte mein soziales Umfeld - Eltern, Kindergarten, Schule, Studium - fest, wie der Hase zu laufen habe: höhere Bildung, dann die Wahl eines guten Berufs, der einen selbst und auch eine Familie gut ernährt und einen nicht zum „Hungerleider“ macht.


Ich durchlebte in meiner Kindheit die üblichen Kinderkrankheiten, die heutzutage weggeimpft werden: Keuchhusten, der mich vor der Pockenimpfung bewahrte, und Masern. 6 Wochen zu Hause im Bett in Quarantäne….nicht einfach für mich, und nicht einfach für meine beiden berufstätigen Eltern, die als Heimleiterehepaar zwar vor Ort waren, aber eben auch mit ihrem kranken Sohn zusätzlich was an der Backe hatten. Wenigstens fiel der Kindergarten flach, denn ich liebte es sowieso eher, in der Natur herumzustromern und mit meinen eigenen Spielsachen zu spielen. 


Meine Mutter hingegen ließ keine Gelegenheit verstreichen, mich auf den Ernst des Leben „vorzubereiten“: bereits vor der Einschulung musste das kleine Einmaleins gelernt und das ABC auf einer Kindertafel beherrscht werden.


Aber bereits damals fand ich in der Gitarre einen treuen Begleiter, der mich in eine andere Welt versetzen konnte. Als Begleitinstrument  konnte zu ihr die Songs singen, die mich faszinierten. Ja, ich konnte regelrecht in ein Gefühl des Geborgenseins, Getragenwerdens, der Schönheit und der Überwältigung eintauchen. Das begleitete mich fortan in meinem ganzen Leben: immer wenn ich auch zunächst unscheinbare Künstler auf einer Bühne erlebte, die dann durch eine Authentizität ihres Vortrages ihr Publikum faszinierten, war ich ebenfalls bis aufs Tiefste gerührt: sie erinnerten mich an etwas, was mir offensichtlich noch fehlte - nicht etwa Ruhm, Ehre, Anerkennung, Selbstdarstellug, sondern schlicht die Schönheit und Strahlkraft des eigenen Wesens. Anfangs war mir das aber gar nicht so klar, und ich begann jene, die mich so faszinierten, nachzuahmen und zu kopieren - ich wollte werden wie sie. Auf diese Weise lernte ich zwar einige Instrumente autodidaktisch recht gut zu beherrschen, nur mit meinem Gehör bewaffnet, von Schallplatten und anderen Tonträgern. Ich begriff noch nicht, dass meine Authentizität doch nicht diejenige eines anderen sein kann.


Bereits in meinen 20er Jahren folgte ich dem Muster meiner Mitschüler: als Abiturient eines Technischen Gymnasiums studiert man Maschinenbau oder Verfahrenstechnik, und die entsprechende Universität war ja auch an meinem Ort der „Aufzucht“ in Stuttgart vorhanden. Nur war ich ganz und gar nicht der „Schrauber“ an meinem eigenen Motorrad (ich hatte auch keines) wie meine Mitsabsolventen, sondern verlor mich lieber in meinem Interesse für Rock- Pop- und Jazzmusik, sowohl passiv als auch aktiv.


Ich möchte auch nicht unerwähnt lassen, dass meine Mutter mich bereits mit Abschluss meiner Mittleren Reife zu einer weiteren Bildungsstufe drängte, während mein bester Freund und Nebensitzer einfach eine Banklehre begann - der Glückliche: er hatte bereits früh sein eigenes Geld.


Als während meines Studiums des Maschinenbaus mit einer Unterbrechung durch meinen Zivildienst als Kriegsdienstverweigerer, wieder eine Entscheidung anstand, besann ich mich auf einen Buchpreis, den ich von meiner Klassenlehrerin zum Abschluss meiner Mittleren Reife erhielt: es handelte von Kybernetik und Informatik. War ich ein Streber oder Überflieger? Nein, im Gegenteil. Ich war ein Spätentwickler und Träumer, der noch bei der Versetzung in die 9. Klasse Realschule einige „mangelhaft“ in Hauptfächern vorzeigen konnte, und die Klassenlehrerin meiner Mutter daher abriet, später weitere Bildungschritte zu planen. Aber wie durch Zauberhand wendete sich das Blatt in der 10. Klasse schlagartig: Mathematik und Physik gingen plötzlich leicht von der Hand, meine Rechtschreibproblematik, trotz permanentem Konrad-Duden-Drill durch meine Mutter, konnte erträglich gehalten werden und am Ende kam eine Notendurschnitt in der Mittleren Reife als Klassenbester (!) von 2.4 heraus. Das ist sicher kein Ruhmesblatt, sondern läßt eher auf den schlechten Klassenschnitt schließen.


Aber zurück zu meinem weiteren Weg. Da ich inzwischen durch den Zivildienst bezüglich eines Numerus Clausus auch Zugung zum Studium der Informatik erhielt und dieser damalige Buchpreis mir eine gewisse Affinität hierzu vermittelte, begann nun also das Studium der Informatik, das allerdings nur  3 Semester umfasste, da ich zunehmend mich mehr mit Jazzmusik beschäftigte als mit Studieninhalten und Vorlesungen - sehr zum Leidwesen meiner Mutter.


Da war er dann wieder, der Existenzdruck der Gesellschaft: du mußt was anständiges lernen. Meine damalige Beschäftigung mit der Jazzgitarre einschließlich Unterreicht und Angebot meines Lehrers, bei manchen Auftritten für ihn einzuspringen,  ließ ich aber wiedereinmal fahren: die altbekannte Angst, noch dem nicht „gut genug“ zu sein.


Am Ende landete ich also in einer Verwaltungsausbildung zum Regierungsinspektor der Rentenversicherung - ein sicheres und aufgehobenes Beamtendasein schloss seine bewahrenden und fürsorglichen Arme um meine weitere Unlebensentwicklung.


Nun, es war nicht alles schlecht daran, denn als Beamter mit Fachhochschulabschluss landete ich, wer hätte es gedacht, in der IT der DRV BW. Das gelernte Verwaltungswissen war nun einigermaßen hinfällig geworden und es musste Programmieren und Softwareentwicklung gelernt werden, etwas was durchaus meiner ebenfalls vorhandenen, analytischen Anlage gerecht wurde und anfangs auch viel Feude bereitete und bald auch ein neues Selbstbewusstsein heranreifen ließ, allerdings nur ein sehr funktionales. Es war funktional genug, um ein williges Instrument in den Händen meiner ehrgeizigen Chefs zu werden, die sich wohl teilweise mehr als Unternehmer eines IT Startups verstanden anstatt als Abteilungsleiter einer Behörde,  der sich besser als guter Sachverwalter eines Servicebetriebes für die Sachbearbeitung einer Behörde verstehen sollte. Der Beruf entwickelte sich mit einer zunehmenden Anzahl von herausfordernden Projekten bis hin zu internationalen Projekten mit vielen Dienstreisen im Inn- und Ausland für mich zu einem Albtraum. Aber die Beförderungen ließen nicht auf sich warten. Diese nutzten aber nicht nur mir, sondern automaztsch auch meinen Kollegen. Im öffentlichen Dienst geht alles nur über Stellenstrukturen mit Führungsaufgaben, die einen „Unterbau“ benötigen. 


Im bürgerlichen Sinne war aberalles gut, doch meine Seele blutete immer mehr aus und nur meine Freizeitbeschäftigungen konnten mich noch bei der Stange halten.


Diese Freizeitbeschäftigungen hatten immer mit Musik und Spiritualität zu tun, mit Dingen also, mit denen nicht wirklich so viel Geld zu verdienen war, dass man davon hätte leben können, schon gar nicht mit einer vierköpfigen Familie und einem gehbehinderten Kind, aber sie halfen mir, „existentiell“ tatsächlich zu überleben. Und man hatte mit diesen „Hobbies“ nicht wirklich einen Massenzulauf an Freunden oder zumindest Gleichgesinnten - das geht eher über Sport oder speziell Fußball.


Überwältigungen


Wie jeder Mensch habe aber auch ich sogenannte „Überwältigungen“ in meinem Leben erfahren, also Erlebnisse von derartiger Präsenz, Freude, Angstlosigkeit, und Geborgenheit, die sich gänzlich vom Alltag unterscheiden.


Viele Menschen suchen ja nach „Erleuchtung“ und meinen damit eigentlich eine gewisse Alltagsflucht. Ich selbst war auf diesem Weg unterwegs, suchte Gurus oder Literatur, die den Schalter umlegen sollten. Der jetzige Auslöser aber machte mir schlagartig wieder bewußt, dass ich den angestrebten Seinszustand in blitzartigen Augenblicken in meinem Leben bereits erfahren hatte und immer wieder erfahre: „Überwältigungen“ eben.


Diese seltenen Momente, die sich aber stark ins Gedächtnis einprägen, sind das Erleben des „essentiellen Wertes“ des eigenen Seins, der sich hinter der „trennenden Identität“ des funktionieren müssens in dieser Welt verbirgt, und die ihren Ursprung im frühkindlich aufgebauten Ur-Credo findet. Das Ur-Credo ist der Anker der Identität, der Grundbaustein des Ichbewußtseins, der Psyche. Mit ihm ensteht die Fähigkeit des Individuums zur Repräsentation seiner selbst in Worten, Zahlen, Zeit, Raum, Kriterien, Überzeugungen, kurz alles, was soziale Strategien genannt wird. Es ist ein notwendiger Prozess zur Sozialisierung. Hat das Ichbewußtsein aber erstmal seinen Reifezustand erreicht, wird das Ur-Credo zunehmend zum Haupthindernis für eine mögliche weitere, über die trennende Identität hinausgehende Entwicklung.


Geschichte meiner Überwältigungen


Es begann bereits in frühen Kindheitstagen.  


Bereits vor dem Kindergartenalter bewegten mich Fragen wie: was ist hinter dem Himmel, in den ich schaue? Ich schaute damals oft in den Himmel, wenn ich auf einer Wiese lag oder vorher in Jauchereste gefallen war, die ein Güllewagen in seinen tiefen Reifenabdrücken im Erdreich hinterließ, welche ich als Basis für ein Schaukelbrett gewählt hatte.


Solche Art von merkwürdigen Erlebnissen wurden ob des Gestanks, den ich dann verbreitete, von meine Eltern natürlich nicht wertgeschätzt. Ich hatte ja schließlich nicht artig funktioniert, sonder auch noch Probleme in deren Arbeitsalltag zugefügt. Gedanken wie, was mag wohl hinter dem Himmel liegen, was ist Unendlichkeit usw. blieben mein Geheimnis.


Die nächsten einschneidenden vorschulischen Erlebnisse brachten mich in Berührung mit Angst und Schuld. Ein Einkaufsladen in unserer Nähe fiel einem Raubüberfall zum Opfer, und ich lernte, dass es nicht nur das Gute und Geborgenheit auf der Welt gibt. Und ich selbst als kleiner Junge erfuhr, was es mit einem macht, wenn man aus Gedankenlosigkeit und Entdeckungslust eine flüchtende Maus verfolgt und gegen eine Hauswand zertritt, die dann mit einem jämmerlichen Quiken ihr Leben lassen musste - ich war schockiert, zu was ich selbst in der Lage war.


Die nächste „Überwältigung“ geschah mit meiner ersten Schülerliebe. Der erste Kuss und der Heimweg danach ließ mich wieder in meinen Himmel starren, ehrfürchtig und dankbar, dass mir nun das widerfährt, von dem ich vorher nur träumen konnte: ein Mensch erwidert meine intimsten Gefühle.


Doch die nächste „Überwältigung“ diesbezüglich geschah wenige Monate später: dieser Mensch verließ mich wegen einem anderen. Unfassbar, wie meine Gefühlswelt dann zusammenbrach, Enttäuschung bis hin zu behandlungsbedürftigen, psychosomatischen Beschwerden. Das eben erworbene Urvertrauen der Liebe wurde wieder gnadenlos entzogen.


Als ich zu Beginn der 80er Jahre meine jetzige Frau Elke kennenlernte, fand ich endlich wieder eine emotionale Heimat: zwischen uns war etwas, was uns auf eine Art verband, die nur schwer in Worte zu fassen ist. Ich kann das auch nicht mit meiner ersten Liebe ins Verhältnis setzen, denn diese, so weiß ich es heute, war eigentlich auch nur eine Projektion der erfahrenen, überwältigenden Ur-Liebe auf eine bestimmte Person. Klar wurde mir das, als ich später mich erinnerte und versuchte, dieses Mädchen im Internet wieder ausfindig zu machen, um alte Zeiten zu klären. Warum war sie gegangen? Warum habe ich meine Liebe verloren? Was würde sein, wenn wir uns wieder treffen würden? Nein, ich hatte damals in Wirklichkeit nur den Kontakt zu etwas verloren, was ein Teil von mir selbst ist.


In den frühen 90ern, mein zweiter Sohn David war gerade geboren worden und eine durchlaufene, akute Erkrankung fesselte ihn fortan an den Rollstuhl, trug ich mich mit Gedanken eines Ausbruchs aus meinem bisherigen Leben. Mit einer Querflöte meines damaligen Kumpel kam ein neuer Zauberstab in meine Hände: ich konnte musikalisch wieder nach längerer Abstinenz an mein Inneres Anschluss finden. Die damalige Lehrerein wurde für mich daher irgendwie bedeutsam. Sie lebte etwas, was ich noch nie hatte, und ich projizierte einfach alte Sehnsüchte auf diese Person, und krängte damit natürlich meine Frau Elke durch fehlende Aufmerksamkeit.


Viel später, ich war bereits einer internationalen spirituellen Bewegung beigetreten (Bnei Baruch), während eines Konkresses in Israel am Fest der „Gabe der Tora“ begenete ich persönlich unserem spirituellen Lehrer in einer besonderen Situation, es war nur eine Geste, als er mir aus der Menge heraus einfach die Hand reichte….ich war beseelt.


Aber selbst im Beruf auf einer der von mir verhassten Dienstreisen, diesmal die dritte USA Reise ins ferne Phoenix/Arizona, konnten wir uns am Wochenende einmal Zeit nehmen, auch das Land zu erkunden. Wir besuchten die Gegend um Sedona und auf dem Berg der Heilig-Kreuz-Kapelle bot sich ein unfassbarer Ausblick in die umgebende Bergwelt, eingetaucht in ein unbeschreibliches Licht. Ein Gefühl der Schönheit, Dankbarkeit und Ehrfurcht erfasste mich abermals, und alle Drangsal noch ungelöster Probleme des aktuellen Dienstgeschäfts fielen von mir ab wie Staub. Selbst mein Groll gegenüber meinem Chef war für kurze Zeit verflogen.


In der Folge beschäftigte sich mein spirituelle Weg mit allen großen Weltreligionen und esoterischen Wegen der Menschheit. Ich erkannte bald, dass sie alle einen identischen Kern besaßen: „das eigentliche ist unsichtbar“ (vom Kleinen Prinzen" von Antoine de Saint-Exupéry). Oder wie Rumi es treffend beschrieb: „Verlasse das Nichts, das Etwas zu sein scheint / suche das Etwas, das Nichts zu sein scheint.“


Meine Bücherregale schwollen an, ich besuchte Seminare der Selbsterkenntnis, einige auch zusammen mit meiner Frau (Avatar, Byron Katie). Zen-Sessins und Sufi-Retreats, psychologische Lektüre und Interpretationen Heiliger Schriften der Menschheit bis hin zum Zauberkasten der NLP-Werkzeuge.


Aber der Alltag holte mich immer wieder ein. Es scheint, dass diese Art der Erkenntnis in Wellen erfolgt. Was im Leben ist wirklich wichtig? Was habe ich damit zu tun? Was haben andere damit zu tun?


Der oben erwähnte Autor von „In sich hinausgehen - Mit NLP zum Ur-Credo“, Wolfgang Bernard, rüttelte erneut an meiner spirituellen Tür. Nach der Lektüre seines Buches nahm ich per eMail Kontakt mit ihm auf, um mich nach Möglichkeiten zu erkundigen, was ich noch tun könnte, um mir selbst auf die Schliche kommen zu können. Er bot damals auch Seminare für diesen Ur-Credo Prozess in Südfrankreich am Fuße der Pyrenäen an. Er empfahl mir als Einstieg das Buch „Auf der Suche nach dem Wunderbaren“ von P.D. Ouspensky. Ich verschlang das Buch regelrecht. Es handelt vom sogenannten „Vierten Weg“ nach Gurdjieff. Nach meiner Lektüre meldete ich mich wieder bei Wolfgang und dieser lud mich zu einem Seminar für den Ur-Credo Prozess nach Südfrankreich ein. Aber auch hier kniff ich wieder einmal. Hatte ich Angst vor mir selber? 


Dafür versenkte ich mich in die Lektüre von den meisten Publikationen über den „Vierten Weg“ bis hin zu den Werken des britischen Gurdjieff Schülers und Psychiaters Maurice Nicoll. Dieser Weg führte mich zu einem Kontakt in Amerika mit dem Vierten Weg Lehrer William Patrick Patterson der Gurdjieff-Legacy Bewegung. Ich wurde für ein viertel Jahr sein Schüler und der Lernprozess erfolgte über wöchentliche Aufgaben und Ergebnismeldungen per eMail. Schließlich lud auch er mich nach Amerika ein - wieder kniff ich. Es ist verrückt, wie eine Komfortzone einen einkerkern kann.


Vor diesem Ausflug zum vierten Weg war ich aktives Mitglied der weltweiten Kabbala Bewegung Bnei Baruch mit Sitz in Israel. Wohlgemerkt, nicht die „rote-Bändchen“ Gruppe einer Madonna, nein, sondern die authentische Lehre der großen Kabbalisten Rabbi Jehuda Ashlag und seines Sohnes Baruch Ashlag, deren Meisterschüler RAV Michael Laitman die Gruppe Bnei Baruch ins Leben rief. Hier war ich ca. 8 Jahre tätig und auf drei internationalen Kongressen in Israel, zweien in Österreich und zweien in Deutschland, die ich mit organisierte. Hier fand ich Gemeinschaft und Erfüllung, aber auch hier erkannte ich, wie schon in Auroville/Indien, wo im Sinne von Sri Aurobindo und der Mutter Mira Alfassa gearbeitet wurde, das es überall an diesen spirituellen Orten und in den entsprechenden Gemeinschaften „menschelt“ im Sinne von Problemen, Ungereimtheiten, Konkurrenz, Neid und Eigensucht. Auch hier ließ ich mich wieder Funktionalisierung bis zur Erschöpfung.


Mein Beruf als Softwareentwickler führte mich nach 40 Jahren und einem selbst diagnostizierten Burnout zu  dem Schritt, mit 63 bereits meine Pension, wenn auch mit Abschlägen, zu beantragen - bevor noch weitere Projekte über mich herfallen. Jetzt konnte ich erstmal wieder Durchatmen und mich meinen vielen Instrumenten widmen. Ich trat auch wieder einer Band bei, Paun Cread, einer Folkrock Formation um den Schlagzeuger Bernd Pfau, den ich bereits aus den Tagen meiner Jugendhaus Mitte Periode im Stuttgart der 70er Jahre kannte. Doch Corona beendete auch diesen Versuch.


Aber es hilft alles nichts - wenn man sich selbst nicht auf die Schliche kommt, „eiert“ man am Ende nur weiter rum.


Da trat nun wieder dieses Buch von Wolfang Bernard in mein Leben, initiiert durch meinen obigen Traum.


Nun bin ich wieder auf der Suche nach meinem Ur-Credo, meiner ursprünglichste aller Glaubensüberzeugung also, welche die trennende Mauer, die trennende Identität zu meinem essentiellen Wert darstellt.


Der Essentielle Wert weist auf die jedem von uns innewohnende Einzigartigkeit des persönlichen Seins sowie all seiner Ausdrucksformen hin. Ihn zu entdecken heißt, ein verborgenes, geheimes Heiligtum ins sich zu berühren. Es ist ein Weg zurück zur vorsinnlichen Wahrnehmung unseres Ursprungs und all dessen, was in jedem Augenblick aus ihm erwächst. Es ist ein Ausdruck für das Unausdrückbare: die Dimension der ungefilterten Wahrnehmung, die alle Phänomene, wahrgenommene und nicht wahrgenommene, existierende und nicht existierende, vereint,  die Verbindung mit der alles umfassenden Struktur nach Gregory Bateson.


Die vorsinnliche Wahrnehmung befindet sich auf einer anderen logischen Ebene als die sinnliche (visuelle, auditive, kinästhetische, olfaktorische, gustatorische = VAKOG) Wahrnehmung, welche sich ihrerseits nicht auf dem selben logischen Niveau wie die Repräsentationen befindet. 


Repräsentationen folgen dem Meta-Modell der Sprache. Das primäre Erleben ohne Worte wird Referenzstruktur genannt. Das sekundäre Erleben besteht aus Tiefenstruktur (vollständige Repräsentation des Erlebten mit Worten) und der Oberflächenstruktur (Teilmenge der gesprochenen und gelesene Worte).


Allein diese Erkenntnisse helfen bei der Aufdeckung der meisten Kommunikationsproblemen.


Existenzielle Fragen sind auch Gewissensfragen 


Zitat Wolgang Bernard:


Gewissen: „Im Wort steckt „Wissen“. Es kann sich meines Erachtens nur um das Wissen um die inneren Zusammenhänge zwischen allen existierenden Phänomenen handeln. Das Gewissen steht in direktem Kontakt mit der vorsinnlichen Wahrnehmung, es manifestiert sich in uns durch Ehrlichkeit uns selbst gegenüber, durch Aufrichtigkeit und Gewissenhaftigkeit. Eine seiner Haupteigenschaften ist, daß es uns die absolute Entscheidungsfreiheit läßt: Wir geraten immer wieder in neue Situationen, in denen wir immer wieder neu entscheiden müssen und können, ob wir unsrem Gewissen oder dem Eigennutz folgen.


Eigennutz


Das Bestreben der Identität, sich zu verteidigen und „seine Schäfchen (möglichst viele) ins Trockene zu bringen“, um so sein Überleben sicherzustellen (ähnlich dem Verhalten von Tieren); die geschieht oft mit Hilfe gut versteckter Manipulationen. Eigennutz bei anderen ist uns offensichtlich, bei uns selbst müssen wir danach suchen. Was ich beim anderen nicht mag, ist im allgemeinen dessen Eigennutz. Aber sobald ich ihm - und sei es in Gedanken - deswegen einen Vorwurf mache, bin ich mit meinem eigenen Eigennutz konfrontiert.“


Ende Zitat Wolfgang Bernard


Gedankensplitter (mit Datum der Niederschrift)


02.02.2014


Es macht einen Unterschied, ob man die Einzigartigkeit seiner selbst im Sinne der eigenen persönlichen Existenz erkennt, oder ob man sich nur über andere als etwas besonderes erhebt (Arroganz).


Ich zog meine Energie meist daraus, etwas Besonderes darzustellen, mich mit Personen zu identifizieren, die herausragen. Das gestaltete sich anstrengend bis verbissen, auch wenn es am Ende immer sehenswerte Resultate und teiweise auch Bewunderung generierte. Mein Identifizierungsdrang spiegelte sich auch in der Verwendung von Symbolen in Form von Schmuck Anhängern, Abzeichen und Ringen. Auch meine Instrumente brachten mich in Definitionszwang: bin ich Gitarrist, Sänger, Flötist, Trompeter….warum nicht einfach nur Musiker?


Es macht auch einen Unterschied, wenn man die Hilflosigkeit der eigenen, isolierten Existenz erkennt, statt in künstlichen Allmachtsphantasien der eigenen Täterschaft eines persönlich Handelnden zu verharren.


Im Vorschulalter bekam ich mal ein Auto mit Schwungrad. Man musste es auf den Rädern nach hinten ziehen und dann loslassen. Es war schnell überzogen und blockierte. Ich griff einen Hammer und schlug auf das Spielzeug….es funktionierte wieder. Ich hatte den Eindruck eigener Macht über das Ding gewonnen.


Es ist auch eine beruhigende Tatsache: da ist noch etwas außer einem selbst.


Als Vorschulkind kam ich in die Situation des Verlassenseins, als meine Eltern abends einmal ausgingen. Was, wenn sie nicht zurückkehren würden? Die selbe Angst sah ich in den Augen meines Ältesten im gleichen Alter, als er uns Eltern bei einem Ausflug aus den Augen verlor.


Es ist beunruhigend, etwas seiner eigen Existenz beraubt zu haben oder zu berauben.


Das bereits geschilderte Erlebniss w.o. mit der Maus.


Es ist beunrugind, Verlust zu erfahren.


Meine erste große Liebe verließ mich wegen einem anderen.


Es ist beruhigend, etwas zu besitzen.


Das Haben verdrängt gerne das Sein. Ich hatte als Schüler manchen Spleen: einmal wollte ich unbedingt einen Melonen-Hut, denn mein Idol John Steed aus Schirm, Scharm und Melone hatte solch einen. Ich drangsalierte meine Eltern tagelang und es war nicht einfach, solch einen Hut in einer Kinderkopfgröße zu finden. Mein Nebensitzer war Gott sei Dank Sohn eines Hutfabrikanten….ich ging anfangs mit diesem Hut fast immer ins Bett.


Es ist empörend, wenn andere Anderen die Existenz rauben.


Es war eine einschneidende Erfahrung für mich, als ich im Vorschulalter eine Maus jagte und zertrat. Ich hatte einem Lebewesen seine Existenz geraubt. Was, wenn mir jemand meine Existenz rauben würde?

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