Wie kamen eigentlich die amerikanischen Jazzgrößen ab den 60er Jahren bis in die 2000er Jahre nach Europa?
Ein Mann, den man hier nicht unterschlagen darf ist Ernie Garside - 3 January 1932 – 1 August 2023.
Ich werde hier den langjährigen, europäischen Freund und Manager von Maynard Ferguson vorstellen. Man erinnert bestimmt die großartigen Konzerte des Ausnahmetrompeters u.A. in Wien und Prag Ende der 60er, als große Welthits wie etwa „Maria“ und „Somewhere“ aus der West Side Story durch Maynard in die Stratosphäre der Trompete erhoben wurden.
Als Maynard seine Zelte in den USA Ende der 60 Jahre aus verschiedenen Gründen vorrübergehend abbrach, kam es zu einer glücklichen und erfolgreichen Begegnung zweier später auch guten Freunde: Ernie und Maynard.
Maynard hatte gerade seine wilden Jahre u.A. mit Drogenexperimenten unter Anleitung des bekannten Psychologen und Drogenpapstes Timothy Leary in New York hinter sich, als er seine Zelte in den USA abbrach und mit seiner Familie nach Europa aufbrach. Spirituell war das Ziel damals natürlich Indien, aber auch musikalisch war gerade mit Big Band Jazz in US kein Blumentopf mehr zu gewinnen: Pop und Rockbands waren gefragt, die Beatels hatten zuvor gerade Amerika erobert.
Maynard hatte als Kanadier gewisse Privilegien was ansonsten den Auftritt von amerikanischen Musikern in UK damals erschwerte. Ernie betrieb in Manchester den Jazzclub „Club 43“ ab 1964 zu 50%.
Nachfolgend Auszüge aus dem Maynard Ferguson Board, Interview von ScreamingMike:
Ernies Partner im Club 43 war ein notorischer Drinker und als Ernie 3 Jahre später seine 50 Prozent verkaufte, weil sein Partner den Profit versoffen hatte, änderte sich die Musikszene und der Club musste geschlossen werden. Der Club war sehr eng und klein und fasste 150-200 Menschen und war während der Zeit, als Maynard auftrat jede Nacht ausverkauft. Club 43 war ein bekannter Jazz Club in Manchester, und dank eines Gegenseitigkeitsabkommen mit den Vereinigten Staaten traten Jazzgrößen wie Max Roach und Art Farmer dort auf.
Als Ernie 22 Jahre alt war, kam Stan Kenton nach Europa und verbrachte 12 Nächte in England. Ernie besaß Karten für jede Show und saß in London direkt hinter dem Rücken von Mel Lewis, dem Schlagzeuger. Er kam mit Carl Fontana ins Gespräch, und es ergab sich, das Kentons Band nur eine Meile entfernt von Manchester untergebracht war. Als Ernie zu Hause ankam bemerkte seine Frau, dass gerade viel Verkehr wäre, und Ernie erwähnte, dass dies der Tourbus von Stan Kenton war. Jede Nacht wurde er von Manchester nach London und zurück im Tourbus hin- und herbefördert - es war Mitte der 50er. Stan spielte eine Menge kubanisches Material, was nicht so gut ankam. Ernie riet ihm, sein Programm anders zu organisieren, Stücke fürs Publikum und Stücke für die Band im Wechsel, und Stan folgte seinem Rat. Das Publikum dankte es, und Ernie war verblüfft, dass Stan auf ein Kind hörte. Er würde 10 Jahre später sich an diese Lektion erinnern, als er Maynard einen ähnlichen Vorschlag unterbreitete.
So kam Ernie ins Geschäft und kurz später wurde die Vereinbarung zwischen UK und den Staaten getroffen, das britische und amerikanische Musiker im gerechten Ausgleich im jeweils anderen Land auftreten könnten. Ernie arbeitete mit Dizzy Gillespie einige Jahre und knüpfte Verbindungen mit bekannten Musikern aus Amerika. Gleichzeitig unterhielt Ernie zu dieser Zeit eine Rehearsal Band die internationale Auftritte personell ergänzte, insbesondere in der Trompetensektion.
Als Mitte der 60er Ernie hörte, dass Maynard Ferguson nach England kommt, arrangierte er einen Auftritt für Maynard in seinem Club. Er hatte einen unterschriebenen Vertrag mit Maynards Manager, der ihm später dann aber absagte - Ende der Geschichte. Ernie schrieb einen Brief an Maynard mit der Botschaft, „wer zur Hölle er denn denke, wer er sei“. Es vergingen einige Monate und der Brief kam ungeöffnet zurück zum Absender, nachdem er mehrere Staaten in Amerika durchwanderte. Er behielt diesen Brief und kurze Zeit später fand Ernie heraus, dass Maynard eine Clinic in einem lokalen Musikladen abhielt. Später am Tag erzählte Ernie dem Ladenbesitzer, dass Maynard seinen Gig bei ihm vermasselt habe, und dieser antwortete: „nun, warum sprichst du nicht persönlich mit ihm, er steht gerade hinter dir.“ Ernie gab Maynard seinen Brief, worauf dieser sich entschuldigte. Maynard imponierte ihm, und Maynard vereinbarte einen Termin in Ernies Club 43. Maynard war gerade nicht auf Tour sondern mit seiner Familie gerade von einer Reise nach Indien zurückgekehrt.
Ernie wollte Maynard in einem Hotel unterbringen, bis er erkannte, dass Maynard mit seiner ganzen Familie unterwegs war, was zu teuer für ihn gewesen wäre. So boten Ernie und seine Frau der Familie ihr eigenes Haus als Bleibe an.
Maynards Familie reiste in einem schäbigen Bus und man plauderte über Musik. Aber Maynard verfügte über keine Band zu dieser Zeit. Ernie machte den Vorschlag, ihm ein halbes Duzend seiner Noten-Arrangements auszuhändigen, die er mit seiner Rehearsal Band bearbeiten könnte. Der Auftritt erfolgte kurze Zeit später und Maynard spielte alles, was das Publikum wünschte: Maria, Danny Boy, Ole und das berühmte Arrangement von Don Menza „The Italien Suit“.
Nach diesem Ereignis bat Maynard Ernie, sein Manager zu werden und eine Geschäftsbeziehung wurde für etwas ein Jahrzehnt aufgebaut. Ernie baute eine extra Bühne für die Band und ergänzte die Trompetensektion höchst persönlich mit seiner Trompete.
Ernie verhandelte auch einen Vertrag mit Columbia, aus dem das Album „The Ballad Style of MF“ entsprang und er arrangierte Auftritte in Europa und bei bekannten Radio Shows in den Staaten. Ernies Band mit Maynard war auch die Bühnenband für eine wöchentliche Sonntagnacht Fernseh-Show nach dem Vorbild „The Tonight Show“, bei der Maynard die Rolle eines Doc Severinsen inne hatte.
Ein weiterer Plattenvertrag wurde geschlossen: „ The World Of Maynard Ferguson“ in England wurde zum Titel „MF Horn“ in den USA. Eine lukrative Verbindung mit Columbia Records entstand. Das Stück „MacArthur Park“ wurde ein Hit und die erste Amerikatour von Ernies Manchester Band in den USA wurde von zwei auf sechs Wochen verlängert um schließlich in einer ständigen Auftrittstour zu enden. Die englischen Musiker wollten aber auch ihre Familien in England wieder besuchen, und so wurden sie nach und nach durch amerikanische Musiker ersetzt.
In dem YouTube Video „On The Top“ kann man Ernie Garside in der Trompetensektion sehen, dabei der amerikanische Ausnahmetrompeter Lynn Nicholson.
Ernie Garside hatte viel Musik aus dieser Zeit seines Managements in seinem Haus auf Tonträgern gelagert, die er später unter dem Label „Sleepy Night Records“ veröffentlichte, wie z.B. „The Lost Tapes“. Es handelt sich teilweise um Lifvaufnahmen aus Ernies Club, mit teilweiser weniger guter Aufnahmetechnik aber dafür mit einer authentischen Clubstimmung.
Am Rande sei noch erwähnt, dass Maynard sich auch als Trompeten- und Mundstückproduzent in England versuchte. Im März 1967 erscheint eine Anzeige im englischen Crescendo Magazin mit dem Wortlaut:
„Invest for a lifetime in a MAYNARD. FERGUSON mouthpiece. Designed and used ba M.F. To give more range, power, endurance, comfort and control. All thistles the right sound. Models for Trumper, Kornett und Flügelhorn.
SEE YOUR DEALER NOW
Trade einquirlest only to:
FERGUSON, BELL LTD.
(Directors. Jack Bell managing, Maynard Ferguson technical)
P.O. Box 343, Piece Hall Yard, Kirkgate, Bradford I, Yorks.“
Jack Bell war Teil von Ernies Band als Trompeter, und war auch als Taxifahrer tätig. Jack und Maynard ließen neben den Mundstücken (FBL) auch Maynards damalige Trompete „Liberator“ über die Firma Boosey & Hawkes /Besson produzieren und vertrieben sie unter dem eigenen Label Ferguson Bell LTD. Jack Ball entwickelte sich leider später durch den Verlust zweier Ehefrauen zu einem Nessi und viele der produzierten Mundstücke wurden über eine Haushaltsauflösung über eBay ab 2010 auf den Markt gebracht. Das Geschäft mit den Mundstücken und insbesondere mit der Trompete lief nicht wirklich. Auf den Mundstücken und der Trompete war der volle Name MAYNARD FERGUSON eingraviert und die Markenbezeichnung FBL.
