WIRK-GILDE - Gurdjieff und der 4. Weg

G. I. Gurdjieff  und der 4. Weg

Ein Entwurf zur Wissenschaft der Bewußtheit

Wer war Gurdjieff? 


Georges Iwanowitsch Gurdjieff starb 1949 in Paris, vor Ende der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts. Aber mehr noch als die erste Jahrhundert-Hälfte wurde die zweite von diesem Mann auf eine Weise zutiefst geprägt und beeinflußt, über die sich die meisten Menschen gar nicht im klaren sind. Ein Mann, dessen Name viele noch gar nicht gehört haben, hat diesem Jahrhundert vielleicht mehr den Stempel aufgedrückt als sämtliche bekannten Philosophen, Denker und Intellektuelle.


Die Frage: "Wer war G.?" ist zentraler Punkt der meisten schriftlichen Abhandlungen über G.; die meisten von ihnen gehen sehr präzise und gewissenhaft auf diese Fragestellung ein, nur um am Schluß vieler Bemühungen und Nachforschungen eingestehen zu müssen: Keiner weiß es wirklich. G. bleibt ein Rätsel, und man mag sich mit diesem Rätsel herumschlagen wie man will. Hier jedenfalls soll gar nicht erst versucht werden, das Rätsel zu lösen. Seien wir ruhig dankbar, daß uns dieses Rätsel erhalten bleibt: "Wer war G.?"


Wo wir schon bei ungelösten Rätseln sind: Fügen wir ruhig noch ein zweites Rätsel hinzu, ein Rätsel, das mindestens ebenso schwer zu beantworten sein wird, und das mindestens ebenso interessant ist wie das erste. 


Es lautet: "Was ist die Wissenschaft der Bewußtheit?" Und dieses zweite Rätsel ist auf eine ganz bestimmte Weise mit dem ersten verknüpft.


Ein unbekanntes Wissen


G. trat ca. 1915 an die Öffentlichkeit, indem er in Moskau ein Zeitungsinserat aufgab, worin er die Aufführung eines Balletts »Der Kampf der Magier« ankündigte. Dieses Stück wurde jedoch nicht in Szene gesetzt, sondern statt dessen eine Vortragsreihe und die Gründung einer Arbeitsgruppe. Als einschneidendes Ereignis erwies sich der Beitritt des damals recht bekannten Journalisten und Schriftstellers P. D. Ouspensky, der die von G. mitgeteilten Vortragsinhalte schriftlich festhielt. O. berichtet in seinem Buch Fragmente einer unbekannten Lehre (deutscher Titel: Auf der Suche nach dem Wunderbaren) ausführlich über den Gang der Vortragsreihe sowie sämtliche damit verbundenen Ereignisse.

In diesem Buch versucht O. auf sehr klare, gewissenhafte Weise, eine Lehre wiederzugeben, als deren Übermittler G. sich bezeichnete und bei der es sich um nicht mehr und nicht weniger handelte als um den Versuch, eine neue, noch völlig unbekannte "Wissenschaft der Bewußtheit" vorzustellen. 


Den Begriff "neu" revidierend sollten wir anmerken, daß es sich laut G. um nichts weniger handelt als um eine "neue" Lehre; nach seinen Worten haben wir es vielmehr mit dem ältesten überhaupt bekannten esoterischen Wissen der Menschheit zu tun, also mit einer mindestens mehrere Tausend Jahre alten Tradition. Tatsache ist, daß die von G. vorgestellten und genau erläuterten Ideen in dem Sinne "neu" erscheinen, daß sie völlig isoliert von sämtlichen wissenschaftlichen, religiösen und anthropologischen Aussagen der Neuzeit auftreten. Es ist, als hätte man es mit einer Art ‘alternativen Wirklichkeitssicht’ zu tun. Viele dieser Ideen beleuchten die Existenz, das Denken, Fühlen und Verhalten des Menschen auf eine gänzlich ungewohnte, merkwürdig wahre, aber auch sehr ungewohnt erscheinende Weise. Es scheint auf Anhieb klar, daß es fast keine Vermittlungsmöglichkeit zwischen dieser Lehre und dem modernen Denken gibt,


O., der die Bedeutung der von G. vorgestellten unbekannten Lehre intuitiv erfaßte, machte es sich zur Aufgabe, dieses Wissen in eine Form zu bringen, in der es für die moderne Zeit verständlich und wirksam werden könnte.


Im Zentrum dieser Lehre steht die Beobachtung, daß der Mensch die meiste Zeit über in einem unbewußten Zustand verbringt. Ähnlich wie dem nächtlichen Schlaf, der ebenfalls ein unbewußter Zustand ist, verbringen wir auch die Zeit des Tages, in der wir uns "wach" wähnen, in einer anderen Art von Schlaf, dem ‘Wachschlaf’ oder der ‘Tagträumerei’. Im Gegensatz zum nächtlichen Schlaf sind wir aber nicht bereit, dies als Tatsache anzuerkennen.


So ist also die konkrete Beobachtung, ob wir ‘wach-schlafen’ oder nicht, der zentrale Ausgangspunkt der Lehre. Können wir die Behauptung, daß es so sei, verifizieren, dann können wir auch verstehen, worum es hierbei geht, wir können an diesem Wissen teilhaben und beginnen, damit zu arbeiten; können wir dies nicht verifizieren, dann handelt es sich um eine Ideologie und nicht um eine Beschreibung der Wirklichkeit.


Wissenschaft der Bewußtheit kann nur basieren auf grundlegender, intensiver Auseinandersetzung mit dem zentralen Kernpunkt Bewußtheit; sie muß hier außerordentlich genau sein und scharf und wahrheitsgetreu beobachten. Jegliche Art von Spekulativität ist hierbei auszuschließen. Um aber zu erfahren, was Bewußtheit ist, müssen wir die eigene Bewußtheit einsetzen, wir müssen also praktisch erforschen, was mit unserer Aufmerksamkeit geschieht.


Der erste Schritt auf diesem Weg ist demnach, eigene praktische Experimente hierzu anzustellen. Das war damals neu, und es ist auch heute immer noch neu. So mag für manchen die frappanteste Erkenntnis darin bestehen, daß die von G. überlieferte Lehre ganz zielstrebig und forsch auf diesen Kernpunkt zusteuert: "Was ist Aufmerksamkeit?", "Was geschieht mit meiner Aufmerksamkeit?" — eigentlich selbstverständliche Fragen also, und zuerst einmal umso unverständlicher, wieso uns diese Fragen ungewohnt vorkommen, wieso diese Fragen in den bekannten philosophischen und psychologischen Theorien nicht nur kaum erwähnt, sondern auch so widersprüchlich beantwortet werden.


G. beginnt damit, seine Leute praktische Beobachtungen zu diesen Fragen sammeln zu lassen. Er gibt zuerst nicht selbst eine Antwort, sondern möchte, daß auf wissenschaftliche Weise erst einmal selbst experimentiert, selbst überprüft, selbst beobachtet wird. Er interpretiert nicht, sondern es geht ihm darum, daß die praktische Intelligenz der Leute für diese Fragestellungen erst einmal wachgerufen wird. Das hat etwas sehr Aufklärerisches. Der Grund liegt ganz einfach darin, daß ein Tabu zu knacken sein wird. Die gewohnte Wirklichkeitsinterpretation hat nämlich eine Schranke vor die einfache Fragestellung: "Was ist Bewußtheit?" gesetzt. Es scheint eine stillschweigende Übereinkunft zu bestehen, daß diese Frage auszuklammern ist. Aber bleiben wir bei der Praxis.


In einem entscheidenden Abschnitt seines Buches beschreibt O. seine eigenen Erfahrungen mit G.'s Aufgabestellung. Er beobachtet, daß seine Bewußtheit nicht nur Schwankungen unterliegt, sondern daß es wie ein Umschalten zwischen zwei völlig verschiedenen Zuständen ist — auch darin wieder eine Parallele zu den Zuständen des nächtlichen Schlafs und des Erwachens. Es gibt so gut wie keinen gleitenden Übergang, sondern es ist wie ein An- und Ausknipsen einer Lampe.


Diesmal, am Tag, existieren folgende beiden Zustände: Der bewußtere Zustand des "Sich seiner selbst Erinnerns" und der gewöhnliche Zustand der "Alltagsaufmerksamkeit":


Im ersten Zustand ist die Aufmerksamkeit nicht nur bei der Außenwelt und den Dingen, die wir wahrnehmen, sondern auch bei uns selbst. Wir nehmen also nicht nur Objekte wahr, sondern zugleich auch uns selbst als Existierenden, Wahrnehmenden, Erlebenden.


Im zweiten Zustand verschwindet die Wahrnehmung von sich selbst und die Aufmerksamkeit heftet sich vollständig an das, was wir wahrnehmen. Es gibt dann nur noch das Andere, nicht mehr das Selbst.

Diese beiden Zustände gehen abrupt ineinander über. O. beobachtet auch, wann dies geschieht: Sobald sein Denken in die Richtung eines Wunsches geht, verliert er das Gewahrsein seiner selbst und "vergißt sich". Er handelt automatisch oder mechanisch, "es handelt mit ihm", sodaß er schließlich nur registrieren kann, daß etwas mit ihm "geschehen" ist, was er aber nicht mehr selbst bewußt und absichtlich steuern konnte. 


Interessant ist nun: Daß es so gewesen ist, war in diesem Zustand aber gar nicht spürbar. Genau wie wir im nächtlichen Schlaf nicht wissen, daß wir schlafen. Gerade das ist also Unbewußtheit: Man weiß nicht, was gerade geschieht — die zweite Ebene fehlt, die die erste Ebene zu betrachten vermag.


Ein einfaches Beispiel hierzu: Wenn Sie jetzt ihre Hände betrachten, so sehen Sie zum einen Ihre Hände, zum andern wissen Sie: "Ich sehe jetzt meine Hände." Sie sind sich des Sehens der Hände also bewußt. Genau so können Sie in ein Schaufenster schauen und sich gewahr werden: "Hier ist das Schaufenster mit allem, was sich darin befindet — hier bin ich, der sich gewahr wird, wie er jetzt in dieses Schaufenster blickt." 


Das ist aber sehr selten! Gewöhnlicherweise blendet sich in dem Augenblick, wo wir in ein Schaufenster schauen, die Gewahrsamkeit unserer selbst als Schauenden aus und wir vergessen uns. Zugleich existiert nur noch das Schaufenster! 


Dasselbe können Sie beobachten, wenn Sie diesen Text lesen: Ihre Aufmerksamkeit geht, wie ein einseitig gerichteter Pfeil, von Ihnen weg in das, was Sie sehen. Währenddessen verschwindet die Aufmerksamkeit Ihrer selbst. Achten Sie jetzt zur Abwechslung auf Ihren Atem, die Spannung in Ihren Augen, Ihre direkten Körperempfindungen, so fällt es schwer, zugleich den Text zu lesen. Ein Zustand des Bewußtseins, bei dem die Aufmerksamkeit zugleich bei uns selbst und dem Betrachteten verweilt, erscheint schwierig, ungewohnt und befremdlich.


Die Beispiele illustrieren auch sehr gut und einfach, was Bewußtheit ist: Nämlich keine Theorie, kein Gedanke, kein Gefühl. Sie brauchen nicht die Psychologie, nicht die Philosophie, nicht irgendeine Religion zu bemühen, um zu verstehen, was Bewußtheit ist; Sie brauchen weder etwas Bestimmtes zu glauben noch irgendeine gedankliche Prämisse vorauszusetzen, um es zu wissen.


 Es mag banal klingen, eine einfache Beobachtung derartig zu kommentieren — "Das ist doch sowieso klar; was hat das denn mit Philosophie oder Religion zu tun?", werden Sie vielleicht einwenden. Es ist aber leider nicht so banal; darauf werden wir noch zurückkommen, wenn wir Sie daran erinnern werden, daß die Erforschung der Bewußtheit, die Wissenschaft der Bewußtheit ebenfalls vor jeder Theorie, jeder Philosophie oder Religion kommt. Und dann wird es für Sie vielleicht nicht mehr so leicht sein, das zu schlucken. Denn es wird Ihr ganzes Weltbild aus den Angeln heben.


Wir sehen also jetzt unsere Hände, und vergessen fürs erste die Weltbilder. Wichtig ist: Da sind zwei Ebenen: die Wahrnehmung und das Sich-Gewahrwerden der Wahrnehmung. Es ist nicht so, daß diese beiden Ebenen räumlich voneinander getrennt sind. Es ist nicht so, daß Sie "hinter" Ihren Augen stehen und das Ganze von einer anderen Perspektive aus in den Blick nehmen. Und doch ist es irgendwie so: Sie sind sich dessen bewußt. 


Nehmen Sie den Zustand des Schlafes: Wie ist es da? Wenn Sie träumten, daß Sie Ihre Hände sähen, wären Sie sich dessen ebenso bewußt wie jetzt im Wachzustand? Betrachten Sie den Unterschied: Im einen Zustand ist da etwas Wahrgenommenes oder Erlebtes und ein Wissen darum, das wohlgemerkt nicht intellektuell ist, sondern eine direkte Erfahrung in der Gegenwart. Das ist Bewußtheit.


Etwas zu tun, ohne es gleichzeitig in dieser Weise zu wissen, ist Unbewußtheit, also Abwesenheit der Aufmerksamkeit. Das ist es, was wir normalerweise im Schlaf erleben. Wir sind nicht mehr gegenwärtig. Aber wenn wir aufwachen, haben wir ein Gefühl wie "Jetzt bin ich wieder da, jetzt bin ich wieder wach."


Und nun die revolutionäre Entdeckung: Auch am Tage "schlafen" wir. Auch das ist ganz einfach zu beobachten, aber nun kommt das Tabu dazwischen: Es unterminiert dermaßen unser Bild davon, wer wir seien, was der Mensch sei, wie bewußt wir ständig seien, daß wir immer wüßten, was wir tun, daß wir wüßten, wer wir sind usw., daß eine Vereinbarung besteht, diese Tatsache zu verdrängen.


G. führt den entscheidenden Begriff ein, der das Ganze erklärt, was hier mit uns geschieht: Identifizierung. Identifizierung bedeutet, daß die Aufmerksamkeit von uns selbst weggeht und sich mit einem Objekt völlig identifiziert. Experimentell betrachtet läuft der Vorgang der Identifizierung bei einem Mensch so ab, wie wenn bei ihm das Licht ausgeknipst wird, nämlich seine Selbstwahrnehmung, und die ganze Aufmerksamkeit in das Objekt hineinspringt.


Folgende Kern-Begriffe kristallisieren sich aus dem von G. übermittelten Wissen heraus:


Selbsterinnerung:


Bewußtheit als Wahrnehmung seiner selbst zugleich mit der Umwelt (also gleichzeitige Aufmerksamkeit auf inneren und äußeren Phänomenen und Erfahrung von sich selbst als deren Beobachter).

Identifizierung als Zustand der Fixierung der Aufmerksamkeit an bestimmten Phänomenen, wodurch Unbewußtheit entsteht; man kann auch sagen: "Wachschlaf".


(Falsche) Persönlichkeit


als Gesamtheit der konditionierten unbewußten Verhaltens-Rollenmuster.

Arbeit an sich selbst als Aufbau einer Instanz zur Überwindung der (falschen) Persönlichkeit und zur Herstellung eines permanenten Wachzustandes.

(Wenn Sie interessiert sind, können Sie eine ausführlichere, sehr fundierte und luzide Erläuterung im erwähnten Buch von O. nachlesen.)


Fragwürdige Entwicklungen


Dem von G. unternommenen grandiosen Anlauf, in einem fundamental neuen Entwurf dieses bislang in Europa — zumindest in dieser modernen, zeitgemäßen Formulierung — unbekannte Wissen einzuführen und darauf eine konkret funktionierende Arbeit aufzubauen, war leider ein unglücklicher und zwiespältiger Fortgang beschieden.


Es begann damit, daß sich im Laufe der von G. geleiteten praktischen Arbeit mit dieser Lehre grundsätzliche Interpretationsunterschiede zwischen G. und O. herausstellten: G. setzte das Wissen auf wechselnde, improvisatorische Weise ein, O. konnte die Veränderungen, Manöver und Kehrtwendungen nicht nachvollziehen; ihm als naturwissenschaftlich denkendem Menschen ging es um die Schlüssigkeit und klare Offenkundigkeit der Lehre.


Dies ist ein ganz entscheidender Punkt. Nach einer Auffassung kann die Lehre nicht von der Person getrennt werden, die sie übermittelt; nach einer anderen kann aber, wie in den Geistes- und Naturwissenschaften, das Wissen unabhängig von der Person existieren. Dieser zweiten Auffassung neigte O. zu. O. empfand außerdem, daß G. "Verrat" an der ursprünglichen Überlieferung beging, indem er sie nach eigenem persönlichen Belieben umdefinierte. Es schien O., daß G. nicht ganz wahrhaftig handelte, sondern daß sein Umgang mit dem Wissen von persönlichen Interessen gefärbt sei — und hier konnte der gewissenhafte, auf unbedingte Wahrheitstreue bedachte Wissenschaftler O. nicht mehr mitmachen.


So trennte sich O. erstmals 1918 und nach längerer Selbsterforschung endgültig 1924 von G., gründete in England eine eigene Arbeitsgruppe und arbeitete dort bis zu seinem Tod im Jahr 1945 daran, die Lehre nach seinem eigenen Verständnis zu erforschen und anzuwenden. Ob ihm das gelungen sei, darüber gibt es wiederum widersprüchliche Auffassungen. 


Die Arbeit mit O. schien immer trockener und einengender zu werden, sodaß sich in seiner Gruppe ein Gefühl der Rat- und Orientierungslosigkeit breit machte. O. verwarf sogar kurz vor seinem Tode in einer dramatischen Erklärung die ganze Lehre und sagte, man müsse wieder ganz von Neuem beginnen. Ob er, knapp am Rande des Todes stehend, noch zu einer persönlichen Durchbruchserfahrung gelangt sei, und ob diese mehr mittels der Lehre oder infolge seiner Loslösung davon bewirkt wurde, darüber lassen sich nur vage Vermutungen anstellen.


Auch G. erweckte am Ende seines Lebens nicht mehr den Eindruck eines Mannes, dessen Lebensaufgabe von Erfolg gekrönt sei. Beide hinterließen eine ganze Reihe von unterschiedlichen Nachfolgegruppen und z.T. selbsternannten ‘Nachlaßverwaltern’ des Wissens. Was blieb, sind die Schriften von O., mehrere ausgesprochen kryptische literarische Produkte von G., und eine Vielzahl von Gurdjieff- bzw. Gurdjieff-Ouspensky-Gruppen. 


Mitglieder dieser Gruppen wurden immer wieder von Zweifeln geplagt, daß die Lehre oder das Wissen, wie es sowohl in G.'s als auch in O.'s Zeugnissen und Hinterlassenschaften enthalten war, fragmentarisch und unvollständig sei; irgendetwas schien zu fehlen. Allem Anschein nach war es nicht zu einer fertigen, gültigen und wirklich vollständigen Artikulation jener "Wissenschaft der Bewußtheit" gekommen, die sich am Horizont abzuzeichnen begonnen hatte, seitdem G. in Moskau mit seinem Ballett »Kampf der Magier« an die Öffentlichkeit getreten war.


Man rätselte, ob G. nicht die wichtigsten Geheimnisse mit in sein Grab genommen hätte. Weiter zweifelte man, ob O. nicht durch seine Trennung von G. die Übermittlung von dessen wichtigstem Wissen verpaßt hätte.


Diese Zweifel erhärteten sich angesichts der mehr und mehr ins Erstarrte und Dogmatische abgleitenden Arbeitsgruppen beider Ursprungsfiguren. Statt mit dieser Arbeit zu wachsen und zu reifen, fühlten sich viele Mitglieder eher mehr und mehr eingeschränkt, überwacht und in ein Aufsichtssystem eingezwängt, in dem sich zunehmend weltfremde Sektierer aufzuhalten schienen. Einige Mitglieder begannen, sich auf die Suche nach den Wurzeln des von G. veröffentlichten Wissens zu machen. Es handelte sich unzweifelhaft wenigstens zum Teil um Sufi-Überlieferungen. Unklar war man sich über den Anteil gnostischer Wissenstradition und tibetisch-buddhistischer Lehrinhalte. Die Reisen der Suchenden in den Nahen Osten und zu Sufi-Zentren ergaben jedoch keine näheren Hinweise. Zwar schossen die Spekulationen um bestimmte östliche Geheimorden und "Zentren" ins Kraut, aber Klarheit kam keine zustande.


Degenerationserscheinungen


Wenn wir noch einmal genauer auf die von G. und O. überlieferten Ideen eingehen, so läßt sich auch daran ablesen, an welchem Punkt die Widersprüchlichkeiten beginnen. Es ist nämlich ausgehend vom zentralen Punkt der Bewußtheit die Herausbildung eines bestimmten Erkenntnis- und Übungskonzepts zu beobachten, das nach und nach zu einer ganz bestimmten Vorgehensweise führt:


Praktische Beobachtung der Vorgänge der eigenen Aufmerksamkeit und experimentelles Studium der Unbewußtheit.

Daraufhin Aufbau einer zweiten Instanz ("wahre Persönlichkeit") in sich selbst, die gegen die erste Instanz ("falsche" Persönlichkeit) kämpft. 


Gruppieren von inneren "Ichs", die bewertet werden: 


Die "Ichs", die die Arbeit an der eigenen Bewußtwerdung wollen, sind gut, die anderen schlecht. Verlagerung der Arbeitsinstanz in den Verstand, ins Denken, indem versucht wird, die "Ichs" gezielt zu kontrollieren.


Stetige Verstärkung der Anstrengungen; Betonung auf Wille und ‘Kampf mit sich selbst’, hierdurch auch Verstärkung der inneren Widerstände und Konflikte.

Organisierung einer Arbeitsgruppe nach dem Konzept der gemeinschaftlichen Verbündung gegen die als falsch betrachteten "Ichs", zugleich Etablierung einer gemeinsamen neuen Weltanschauung auf der Basis der Lehre.


Es erweist sich, daß bei diesem den Verstand und den Willen betonenden Ansatz eine zunehmende Fanatisierung und Erstarrung die Folge ist. Die Arbeitsgruppen werden ideologisch und nehmen Sekten-Charakter an. Der Grund liegt darin, daß der wissenschaftlich-nüchterne Umgang mit den Themen Bewußtheit, Aufmerksamkeit und Erforschung der Vorgänge im Innern der Persönlichkeit von einem Weltanschauungsdenken verdrängt wird. Statt praktischer Intelligenz (die Ideologiefreiheit nicht bewirkt, sondern vielmehr grundsätzlich voraussetzt), kam und kommt es in der Praxis der Arbeitsgruppe(n) zu weltabgewandtem Elitetum und hermetischer Weltsicht. Esoterik-Dünkel stellt sich ein, da ja die anderen Menschen offenkundig alle im Sinne der Theorie nicht "mit sich selbst kämpfen". Bigotterie, Weltfremdheit, Lustfeindlichkeit, düstere Disziplinhaltung mit der Betonung auf Leiden und Sich-Aufopfern sind weitere Folgen. Der Adept dieser modernen Selbstkreuzigungslehre sieht sich schließlich in einem Zirkel der eigenen Selbstentlarvung gefangen, bei der seine Aufmerksamkeit darauf gerichtet ist, immer mehr Unaufmerksamkeit, Willenlosigkeit und Schwäche in sich zu beobachten. Jeder Versuch, gegen die inneren Hindernisse anzurennen, führt diesen dann noch mehr Energie zu. Tiefe Einsicht kann aufgrund solcher Negativ-Methodik nur noch durch völligen Zusammenbruch des blockierten Persönlichkeitssystems erfolgen, indem sich nämlich die Unwirklichkeit des Käfigs, in den einen der eigene Verstand gefangennimmt, selbst ad absurdum führt.


Aber dieser negative Weg ist fragwürdig und birgt die Gefahr der Bildung aller möglichen verstiegenden Wahnvorstellungen. Dazu zählt die Etablierung von Hierarchien, die von den angeblich auf höherer menschlicher Ebene stehenden Führerfiguren der entsprechenden Organisationen besetzt sind. Der Lernende ist angehalten, seine eigenen Bestrebungen in Frage zu stellen, wogegen die Vorgaben der Oberen unbedingt zu akzeptieren sind. Diese Vorgaben können sogar bis in kleinste Details der Lebensführung gehen. Sektenwahn und Führerkult sind häufige Begleiterscheinungen, fragwürdige finanzielle Transaktionen ebenfalls nicht selten. Treibt man den Ansatz ins Extrem, ist es möglich, auch noch den letzten Rest an intaktem Scharfsinn zu opfern und jeglichen Irrwitz für möglich zu halten.


Alle diese Phänomene zeigen ganz exemplarisch die Unausgeglichenheit und Unreife, mit der immer wieder auf diesem Gebiet hantiert wird. Anstelle von nüchtern-wissenschaftlicher Erforschung der Bewußtheit und der latenten Entwicklungs- und Lernmöglichkeiten des Menschen treiben abstruse Verrücktheiten und Anmaßungen unerschöpfliche Blüten in allen Farben und Schattierungen. Selbst einfallslose Zeitgenossen werden auf einmal zu fantasievollen Propheten neugebrauter Irrlehren. Derartige dilettierenden Verhaltensweisen wurden einmal verglichen mit dem Herangehen primitiver Völker an die modernen Produkte westlicher Technik: Ein in den Urwald gelangtes Funkgerät mag dort etwa als magischer Gott verehrt werden, oder als zum Essen untaugliches Nahrungsmittel beschimpft werden. Uns hier im Westen fällt es nur sehr, sehr schwer, den eigenen Entwicklungsstand auf dem Gebiet der spirituellen Erkenntnis auf vergleichbar niedriger Stufe stehend anzusehen, weil dies fundamental mit unserem Stolz kollidieren muß.


Neuere Entwicklungen


In den Sechziger Jahren tauchten im Westen Vertreter der Sufi-Tradition auf und beanspruchten freiweg, Abgesandte jener Quelle zu sein, aus der auch G. geschöpft habe. Unter einem Psyeudonym wurde das Buch "Die Lehrer Gurdjieffs" lanciert. Darin wurde abgeraten, die Gurdjieff/Ouspensky-Gruppen noch weiter als korrekt funktionierende Übermittler des Wissens anzusehen. Idries Shah veröffentlichte aus einem großen Fundus authentischer Sufi-Quellen, sein Bruder Omar Ali Shah begann mit der Gründung westlicher Sufi-Arbeitsgruppen. Daneben forderte Bhagwan Shree Rajneesh/Osho ehemalige G./O.-Anhänger auf, ihn und seine Form der spirituellen Arbeit als legitime Fortsetzung der G./O.-Gruppen zu betrachten.


Die Aufgabe bleibt aktuell


Sie sehen: die Verwirrung wird immer größer und einer Lösung des Rätsels "Was ist die Wissenschaft der Bewußtheit?" sind wir um keinen Deut näher gekommen. Interessant wird es, wenn man sich die verschiedenen Richtungen, sei es Sufitradition, sei es eine asiatische oder sonstige spirituelle Tradition, daraufhin anschaut, ob sie die Antworten, die G. in seinem damaligen großen Entwurf versucht hatte, weitertreiben, ob sie imstande sind, eine dem modernen westlichen (aber inzwischen angesichts der hochgradigen internationalen Kommunikation auch: modernen östlichen) Sucher entsprechende Lösung anzubieten oder nicht.


Und da kommen wir zu einer verblüffenden Erkenntnis: Verglichen mit dem Stand zum Anfang des Jahrhunderts befinden wir uns um kaum einen Schritt weiter. Wieder wird versucht, uns — den im Brachland einer abgewirtschafteten Religion Lebenden, vom Erklärungsunvermögen der Naturwissenschaften Unbefriedigten — Islam und Buddhismus als "neue Lösungen" zu verkaufen.


Kein Zweifel: Beide verfügen über tiefe esoterische Überlieferungen, die auch dem ernsthaften Sucher (und nicht nur naiv Gläubigen) intelligente Antworten und Zusammenhänge bieten können — sowohl der Islam mit dem Sufismus, als auch der Buddhismus mit seinen Meditationstechniken und den tibetischen, tantrischen und Zen-Traditionen. Aber ist irgendetwas davon die "Wissenschaft der Bewußtheit"? Kann eine dieser mit der jeweiligen Kultur so eng verwobenen Traditionen in einen ganz neuen Kontext, in eine ganz verschiedene Denkweise, in eine ganz andere geistige Überlieferung und eine ganz andere Religion übernommen und implantiert werden?


Das ist schon auf den ersten Blick ausgeschlossen. Weder werden nennenswert viele aktiv am öffentlichen Leben teilhabende Deutsche traditionielle Sufis im Gewand des Islam werden, noch werden sie sich hier in neuen Zen-Klöstern versammeln. Und deshalb heißt die generelle Antwort auf unsere Frage: Nein.


Dennoch wird das Rätsel der "Wissenschaft der Bewußtheit" hier, hier bei uns, hier in dieser Kultur, gelöst werden müssen und gelöst werden. Weshalb gerade hier? Weil nur wir an jener Klippe der Entwicklung stehen, bei der uns eine alte Religion keine praktischen, aktuellen Antworten mehr zu geben vermag, eine mathematisch-technisch orientierte Wissenschaft und Naturwissenschaft sich ebenfalls als untauglich zur weiteren Orientierung und Wertbildung erwiesen hat: weil also genau hier keine andere Wahl mehr besteht. Und weil das, was der Orient uns an "Geheimwissen" zu geben imstande ist, schon mit G., mit den Sufis, mit dem Buddhismus und und und... zu uns herübergekommen ist. Sie finden das "Geheimwissen" heute in beinahe jeder Buchhandlung. Das Wissen ist da, aber was machen wir daraus? Es hat keinen Sinn mehr, noch im Osten zu suchen und nach weiteren Geheimnissen zu forschen. Das hieße bloß, der Verantwortung zu entfliehen.


Natürlich besteht immer die Tendenz nach billigen Antworten und wohlfeilen, das Gewissen beruhigenden Lösungen: Man kann sich einem indischen Guru anheimgeben oder schamanistische Formeln murmeln, Trommeln schlagen, Horoskope errechnen, tibetische "Geheimtechniken" praktizieren, arabische Koransuren intonieren, Ikebana lernen oder die Teezeremonie einstudieren. Nichts davon ist "schlecht" oder "falsch"; die Frage ist nur, ob wirklich das erreicht wird, was erreicht werden soll. Wenn ich eine exotische Abwechslung für meinen langweiligen Lebensalltag suche, wenn ich für eine Zeitlang das Gefühl haben will, etwas zu tun, das mich mehr "ausfüllt" oder "ablenkt" oder "unterhält", dann mag es richtig sein. Das heißt aber noch lange nicht, daß ich damit eine echte Lösung für das weiterhin existierende Problem meines unbefriedigenden Alltagslebens gefunden habe. Denken Sie einmal ganz in Ruhe darüber nach, was es bedeutet, wenn ein Mensch, der hier lebt, solche exotischen Importe als Anker für seine Lebensorientierung und sein Wertgefühl heranzieht, und warum er es tut, und wohin es ihn letztlich führt.


Erinnern wir uns an G.'s Aussage, das von ihm veröffentlichte und praktizierte Wissen gehöre zu den ältesten Überlieferungen der Menschheit. Das ist richtig: Die Wissenschaft der Bewußtheit ist nichts Neues; sie ist, ganz im Gegenteil, früher weitaus präsenter und bekannter gewesen als heute. Wir leben heute vielleicht in der Epoche, in der dieses Wissen am stärksten verdeckt und verschüttet ist. Dieses Wissen von der spirituellen Entfaltung des Menschen, von seiner Bewußtwerdung, vom Erwachen zur Ganzheit seiner Selbst, von der Selbsterkenntnis, oder wie wir es nennen mögen, finden wir als lebendigen Kern der traditionellen Religionen im esoterischen Christentum (als Gnosis und als in den frühen Klöstern angewandte praktische Methodik), im Islam (als Sufismus), im Buddhismus (unter anderem im Zen), bei Druiden, Indianern, bei den Schamanen und so weiter.


Dieses Wissen ist nicht neu. Aber es ist auf eine zeitgemäße Formulierung angewiesen. Es kann ohne eine aktuelle Formulierung nicht wirksam werden. Diese Formulierung muß den gegenwärtigen kulturellen und gesellschaftlichen Kontext berücksichtigen und in einer zeitgemäßigen, verständlichen Sprache auftreten. Sie muß weiter ein praktisches Arbeits- und Lernfeld herstellen, das imstande ist, den konkreten Lebensalltag des einzelnen mit zusätzlichen Lern- und Entfaltungschancen zu inspirieren. Sodaß diese Gesellschaft, wie in früheren Epochen auch, von verantwortlich Handelnden mit echter Sinnperspektive und verläßlicher Wertorientierung bereichert werden kann. Echtes Verstehen und die Möglichkeit, Verstehen in Sinnperspektive umzumünzen und auf andere zu übertragen, macht das ‘Salz’ der kulturellen Weiterentwicklung aus. Es geht nicht nur um persönliche Erleuchtung.


Genau hier liegt das Problem mit den "leichten" Imitaten. Genau deshalb ist für uns der künstliche Import exotischer Formulierungen keine Lösung, sondern wirft uns sogar noch weiter zurück, weil bloß eine Scheinlösung herangezogen wird, die die Frage nach der echten Lösung verdrängt.


Ein weiterer Kernpunkt: Die Wissenschaft der Bewußtheit kann nicht nur in Büchern vermittelt werden. Sie wird im Wesentlichen von Mensch zu Mensch weitergegeben.


"Warum kann ich das nicht auch alleine machen?", wird hier immer gefragt. Nur der westliche Mensch kann auf diese Frage kommen; nur er kann sich einbilden, das Wesentliche könne er sich aus Büchern, also aus trockenen Fakten und Daten holen. Bloß entgeht ihm dann das Eigentliche und Wichtige, nämlich die Erfahrung! Auch ein Reiseführer kann nicht den Erlebniswert einer Reise enthalten; auch ein Kochbuch nicht die Speise. Diese künstliche und im Endeffekt vergiftend wirkende Trennung von Datenwissen und Erlebnis- und Verständniswissen, also von Information über Leben und Fähigkeit zum Leben ist mit ein Hauptgrund für die Schwierigkeit, die authentische Wissenschaft der Bewußtheit nicht nur einzuführen, sondern überhaupt erst als möglich zu akzeptieren.


Diese Lehre wird ganzheitlich vermittelt, also in einem Rhythmus von Erfahrungen und Erklärungen — erst die Erfahrungen, dann im dazu passenden Maße die Erklärungen.


Also sind Personen die Träger und Vermittler des Wissens. Von Person zu Person wird das Wissen vermittelt, in Gruppen wird es praktiziert. So entsteht eine Kette von Schulen. Diese Schulen artikulieren die jeweils aktuelle Formulierung bzw. Übermittlungsform der Lehre — und diese wandelt sich unablässig, je nach gewandelten Voraussetzungen und Umständen. Das Wissen sucht sich immer neue Vehikel, tritt in immer neuen Erscheinungsformen auf.