50 Tage nach Ostern werden die Jünger Jesu vom Heiligen Geist erfasst….und „reden in Zungen“….so die biblische Überlieferung bzw. die christliche Auslegung.
Was wäre aber, wenn es sich hierbei um eine spirituelle Metapher handeln würde, die davon spricht, dass die gegenläufige Metapher der Bibel, nämlich das Ereignis des „Turmbaus zu Babel“ - und die damit verbundene, sprachliche Verwirrung der Menschheit also, die als vermeintliche Strafe Gottes über den größenwahnsinnig gewordenen Menschen verhängt wurde, eine Umkehr erfahren sollte? Eine Umkehr zum wirklichen Menschsein nicht nur bei 12 Exemplaren der menschlichen Spezies?
Was wäre es also, wenn der Mensch noch gar kein Mensch wäre, sondern er nur glauben würde, bereits einer zu sein?
Diese Frage ist gar nicht so abwegig und auch nicht überflüssig, denn sie konfrontiert uns mit unserer Geschichte und unserem beharrlichen Unverständnis über uns selbst.
Mag sein, dass die meisten von uns diese Frage für Haarspalterei, absurd oder sonstwie irrelevant betrachten, aber fragen wir uns nicht oft, besonders aber in diesen Tagen des Krieges in der Ukraine, angesichts der Greueltaten, warum der „Mensch“ immer wieder dazu fähig ist derart „unmenschlich“ zu handeln?
Die einfache, stereotype Antwort? Das liegt wohl in der Natur des Menschen, er sei eben zu Gutem und zu Bösem fähig, aber er könne eben auch zwischen beidem wählen.
Ist das so? Wir haben ebenmal so in einem Satz gleich vier Begriffe unbedarft verwendet, die klar definiert zu sein scheinen: die menschliche Natur, das Gute, das Böse und die freie Wahl.
Ich werde im Folgenden eben diese selbstverständlichen Grundannahmen der Psychologen, Theologen, Philosophen, Soziologen und sonstiger „Menschenkenner“ kritisch hinterfragen, und am Ende werden wir vielleicht eine erschütternde Wahrheit erkennen müssen. Diese Wahrheit ist nicht erschütternd im Sinne von unveränderbar, sie ist es, weil sie seit Menschengedenken in der Allgemeinheit übersehen wurde und endlich einer größeren, öffentlichen Wahrnehmung bedarf. Gehen wir also Schritt für Schritt vor.
Die Natur des Menschen
Seit Urzeiten plagen wir Menschen uns u.a. mit der Frage, welche Rolle wir eigentlich in der Natur überhaupt spielen oder spielen sollten. Philosophie, Religion, Soziologie, Psychologie und Pädagogik haben unzählige Antworten gefunden und daraus Verhaltensrichtlinien für uns Menschen abgeleitet. Man hatte im Laufe der Zeit erkannt, dass der Mensch, so wie er bis auf den heutigen Tag allgemein in Erscheinung tritt, offensichtlich so etwas wie Regeln benötigt, um mit sich selbst, mit seinen Artgenossen und mit seiner Umwelt auszukommen.
Der Mensch scheint aber gefühlt irgendwie „mehr“ zu sein als nur Tier oder Pflanze, quasi dazu bestimmt, eine herausragende Rolle in der belebten Natur zu spielen. Diese herausragende Rolle auf dieser Erde wird scheinbar bereits in der Bibel, also in einer der zentralen Schriften gleich dreier großer Weltreligionen beschrieben: „…macht sie euch Untertan“, die Erde nämlich.
Wir stehen hier allerdings vor der Schwierigkeit, dass altes, überliefertes Wissen in unserem modernen Geist oft falsch verstanden wird, das trifft leider auch für die Fachdiziplinen Philosophie und Theologie zu. Erst die modernere Psychologie hat uns wieder gelehrt, eine inzwischen verschüttet Sprache wieder zu entdecken: die Sprache der Bilder, Mythen, Märchen und Legenden. Dies kam nicht von ungefähr, denn das psychologische Wissen des Menschen war bereits in der alten Philosophie und Theologie angelegt und geriet leider in Vergessenheit, ebenso wie die modernen Wissenschaften ihre esoterischen Wurzeln vergessen haben. Es ist sogar so, dass der Versuch einer Reintegration dieses alten Wissens vom Menschen z.B. in die Theologie vehement als Blasphemie von der Kirche zurückgewiesen wird. Dennoch gab und gibt es immer wieder Menschen, die genau dies versucht haben und weiterhin versuchen, wie z.B. Dr. Eugen Drewermann (katholischer Theologe und Psychotherapeut) oder Dr. Maurice Nicoll (Arzt und Psychiater, Schüler von C.G.Jung, Gurdjieff und Ouspensky).
Wir können diesen Unterschied in der Sprache z.B. gleich an dieser ersten Fehleinschätzung des Auftrages in der Bibel an die Menschheit: „….macht die Erde euch untertan“, betrachten, Gen 1.26:
„Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich. Sie sollen herrschen über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels, über das Vieh, über die ganze Erde und über alle Kriechtiere auf dem Land.“
Es fällt zunächst auf, dass „Gott“ hier von sich selbst als von „uns“ spricht, und von der Absicht Kreaturen zu schaffen, die zumindest eine „Ähnlichkeit“ mit „ihm“ besitzen. Übersetzen wir „Ähnlichkeit“ mit „Anlage“ oder „Fähigkeit“, dann kommen wir der Sache schon näher. Und wenn dann noch von einer Beherrschung dreier Ebenen gesprochen wird wie „Erde, Wasser und Luft“ so fällt in psychologischer Bildsprache auf, dass damit „motorische“ Fähigkeiten, „emotionale“, und „mentale“ Fähigkeiten angesprochen sein könnten.
Einfach übersetzt liegt hier bereits der Bauplan des Menschen vor: er verfügt über drei Hauptzentren, die sein Handeln bestimmen werden: das instinktive, bewegungsorientierte, das emotionale und das mentale. Der Auftrag an jeden Menschen hieße dann übersetzt: mache dir diese drei Zentren Untertan. Dass dies bis heute nicht geschehen ist, und wir als Menschen hinter diesem Pauplan deutlich zurückbleiben, zeigt unsere Weltgeschichte bis auf den heutigen Tag. Wir werden das noch näher begründen. Wir sehen aber, dass jeder Satz in „heiligen“ Schriften nichts Äußeres oder historisches meint, sondern etwas ewig Aktuelles in uns selbst.
Esoterik gilt heute allgemein angesichts der modernen Wissenschaften als Aberglaube, Hokuspokus, Scharlatanerie, zumindest aber als nicht Evidenz basierend. Das trifft allerdings nur zu in einem Rahmen, in dem sich eben auch Esoterik in der modernen Konsumwelt als Geschäftsmodell etabliert hat und ihre Verbreitung auch in sozialen Medien keinerlei Qualitätskontrolle unterliegt. Was die Wissenschaft aber an dieser Stelle verkennt ist, dass sie einst aus der Philosophie entsprang, die sich damals eben genau in diese zwei Kategorien aufteilte, nämlich in Exoterik und Esoterik. Der esoterische Aspekt war dabei auch noch der wichtigere.
Ohne dies nun tiefer darzulegen, möchte ich nur festhalten, dass in den alten Weisheitsschulen wie z.B. der eines Pythagoras, es durchaus üblich war, dass Schüler nach bestimmten Kriterien ausgewählt wurden. Das lief damals nicht so ab wie heute, dass ein Schüler z.B. wie bei einer Volkshochschule, einer Musikschule oder in einem Sportverein einfach angemeldet wurde, und dort dann ein Programm abgespult wurde. Der angehende Aspirant einer Weisheitsschule wurde vielmehr zunächst darufhin überprüft, wie weit denn sein „Verständnis“ für die Dinge der Welt bereits entwickelt war, ein Verständnis, das von der Entwicklung seines Seins, seines Charakters und seiner Selbstreflexion abhängig ist. Eine pauschale Aufnahme in ein Schulsystem wie heutzutage wäre den Altforderen vorgekommen wie z.B. die Bibel es später formulierte: „…Perlen vor die Säue zu werfen“.
So konnte also Pythagoras in seiner exoterischen Schule durchaus seinen Lehrsatz vom gleichschenkligen Dreieck und den dort geltenden Gesetzen an beliebige Schüler weitergeben, ohne ihnen gleichzeitig seine esoterischen Erkenntnisse preisgeben zu müssen, die mehr als lediglich einen guten Verstand voraussetzen.
Dieses allumfassende Wissen der Esoterik einer bestimmten Weisheitsschule hingegen war nur jenen zugedacht, die in langjähriger Schulung bewiesen haben, dass sie auch der geeignete Acker sind, auf dem diese Art von Saat ausgebracht werden konnte, um später auch reife Früchte ernten zu können.
In diesem Zusammenhang fallen mir gleich zwei Geschichten ein, die z.B. ein gewisser Jesus von Nazareth in der Form von Gleichnissen verkündete, wie z.B. das „Gleichnis vom Sämann“. Seine esoterischen Schüler wurden „Jünger“ genannt und ihnen war es bereits wenigstens in Ansätzen gegeben, diese Art von Sprache zu verstehen; die exoterische Zuhörerschaft hingegen benötigte weitere Erklärungen und war selbst bei diesen immer noch hoffnungslos überfordert, wie die moderne Theologie bis auf wenige Ausnahmen auch noch heute deutlich zeigt.
Vielleicht ist an dieser Stelle ein kleiner Ausflug in eines dieser Gleichnisse und ein weiteres in diesem Zusammenhang ganz sinnvoll, denn wir reden ja gerade über die Natur des Menschen und darüber, dass es einer besonderen Sprache bedarf, sich dieser Problematik überhaupt nähern zu können. Dabei spielt es keine Rolle, ob man sich als Christ, anderweitig religiös oder gar Atheist oder sonstwie versteht, es geht schlicht darum, mehr über sich selbst zu lernen.
Mk 4,3-8 Das Gleichnis vom Sämann
„Siehe, ein Sämann ging hinaus, um zu säen. 4 Und es geschah beim Säen: das eine fiel auf den Weg, und es kamen die Vögel und fraßen es. 5 Und anderes fiel auf den Felsen, wo nicht viel Erde war, und sogleich ging es auf, weil die Erde keine Tiefe hatte. 6 Und als die Sonne aufging, wurde es versengt, und weil es keine Wurzel hatte, vertrocknete es. 7 Und anderes fiel in die Dornen, und die Dornen stiegen auf und erstickten es, und es brachte keine Frucht. 8 Und anderes fiel auf die gute Erde und gab Frucht, aufsteigend und wachsend und trug eines dreißig, eines sechzig, eines hundert.“
Die allgemeine theologische Erklärung dieses Gleichnisses handelt natürlich davon, dass die Aufnahme des „Wortes Gottes“ bei den Menschen unterschiedlich verläuft, dass der Glauben des Menschen eben unterschiedlich verbreitet ist, wobei mit Glauben der „Glauben an Gott“ bzw. der Glauben an Aussagen über religiöse Sachverhalte im Zusammenhang mit Gott verstanden wird.
Und so wurde auch gleich von den Institutionen der Kirche später über ein weiteres Gleichnis gedeutet, was mit jenen geschehen wird, die nicht in dieser Form „glauben“:
Matthäus 13, 24-30 Gleichnis vom Himmelreich:
"24 Ein anderes Gleichnis legte er ihnen vor: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem, der guten Samen auf seinen Acker säte. 25 Doch während die Leute schliefen, kam sein Feind, säte Unkraut unter den Weizen und machte sich davon. 26 Als die Saat aufging und Frucht brachte, da kam auch das Unkraut zum Vorschein. 27 Da kamen die Knechte zum Hausherrn und sagten: Herr, war es nicht guter Same, den du auf deinen Acker gesät hast? Woher kommt nun das Unkraut? 28 Er antwortete ihnen: Das hat ein Feind getan! Da fragen ihn die Knechte: Sollen wir also hingehen und es ausreissen? 29 Er sagt: Nein, damit ihr nicht, wenn ihr das Unkraut ausreisst, auch den Weizen mit herauszieht. 30 Lasst beides miteinander wachsen bis zur Ernte. Und zur Zeit der Ernte werde ich den Schnittern sagen: Reisst zuerst das Unkraut aus und schnürt es zu Bündeln, um es zu verbrennen, den Weizen aber bringt ein in meine Scheune!"
Hier wird von einer Ernte erzählt, bei der die Spreu vom Weizen getrennt wird und später verbrannt wird, während der Weizen als gewünschtes Ergebnis eingebracht wird.
Natürlich steht das „Himmelreich“ im theologischen Kontext der Kirche dann für das „Leben nach dem Tod“, das nur jenen gegönnt wird, die zum guten Teil der Saat gehören, oder die Vergebung durch einen ihrer amtlichen Vertreter, zumindest bis zur nächsten Sünde, erfahren haben. Wir haben hier also psychologisch eine „Drohbotschaft“ an jene, die den „Glauben“ verweigern, und gleichzeitig ein System von beamteten Vergebungsritualen, um doch noch in dieses jenseitige Himmelreich zu kommen, für eine gewisse Gegenleistung, versteht sich.
Diese beiden Gleichnisse aber sind wie alle anderen Aussagen in dieser vergessenen Sprache zentral für ein wirkliches Verständnis über das eigentliche Wesen des Menschen.
Was wäre, wenn mit „Himmelreich“ eben nicht ein „Jenseits“ gemeint wäre, sondern eine real mögliche Welt des Menschen hier und jetzt auf dieser Erde, und wenn im Kontrast hierzu „die Hölle“ genau das wäre, was wir im Hier und Jetzt z.B. in allen Formen der Unmenschlichkeit und menschlichen Unzulänglichkeit täglich erfahren, als Krieg, Greultaten, Verbrechen, Gewalt, Ignoranz, Intoleranz, Machtstreben, Unterdrückung, Gewinnsucht, Umweltzerstörung usw. vorfinden?
Was wäre, wenn mit „Himmelreich“ veränderte Lebensumstände noch auf dieser Erde gemeint wären, und diese das Ergebnis von veränderten Menschen wären, oder sollte man besser gleich von „wahren“ Menschen sprechen?
Die Symbolik der hier beispielhaft geschilderten Beiträge der Weltliteratur legt nahe, dass wir bis heute ihren tatsächliche Schatz noch nicht gehoben haben.
Was also stimmt am heutigen Menschen nicht, dass man ihn einfach noch nicht wirklich als Mensch begreifen kann?
Dies war seit Menschengedenken Gegenstand von Weisheitsschulen, und eine von ihnen wurde uns offensichtlich von einem Jesus von Nazareth neu übermittelt, der selbst als 12 Jähriger in eine derartige Schule ging und „zunahm an Wissen und Weisheit“, bevor er später von seinen Anhängern falsch verstanden, wie er selbst oft beklagte, zu einer eigenen Götllichkeit in einer ihm folgenden Weltreligion verklärt wurde. Ja, es fand tatsächlich eine Verklärung Jesu statt, sie wird auch im Neues Testament geschildert, aber sie beschreibt den Übergang vom „unreifen“ zum „reifen“ Menschen als Prototyp an seinem Beispiel und nicht ihn selbst als einmalige Ausnahmeerscheinung. Das haben selbst manche seiner damaligen Jünger noch nicht so recht begriffen und die aus ihnen abgeleitete Kirche erst recht nicht.
Schulen dieser Art werden im Neuen Testament als „Weinberge“ beschrieben, der Lehrer versteht sich als „Weinstock“ und die Schüler gleichen den „Reben“.
Der heutige wie der damalige reale Mensch gleicht jenem, von dem dieser Jesus von Nazareth in letzter Verzweiflung und im Todeskampf am Kreuz nur sagen konnte: „Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun“.
Tatsächlich sind menschliche Handlungen bis auf den heutigen Tage dadurch geprägt, dass sie größtenteils unbewusst erfolgen, gleichsam mechanisch. Mechanisch bedeutet, schlichte Reiz- und Reaktionsmechanismen psychologsich und biologisch funktionierender Organismen.
Der natürlich geborene Mensch ist ein schlafender - dass ist die nackte Wahrheit unserer gegenwärtigen Existenz. Nicht umsonst wird im Neuen Testament ständig von erforderlicher „Neugeburt“, einer „Umkehr“ oder von einem notwendigen „Aufwachen“ gesprochen.
Solange Menschen „schlafen“ schläft auch die Welt und alles in ihr wiederholt sich bis auf den heutigen Tage geradezu mechanisch: Kriege, Konflikte, Verbrechen.
Entwicklung im Sinne einer Evolution findet ebenfalls nur in mechanischen Grenzen statt und betrifft daher überwiegend nur technische, wissenschaftliche und kulturelle Errungenschaften. Die Entwicklung des Menschen selbst allerdings bedarf gewisser Anstrengungen, wie wir noch sehen werden. Im Grunde wissen wir zwar immer mehr, verstehen aber immer weniger.
Doch wollen wir zunächst wie versprochen - im Diskurs zur Natur des Menschen - die Rätsel auflösen, die oben gegebene Gleichnisse verhüllen:
Die vielbeschworene „Saat“ des Sämanns ist eben nicht das Wort Gottes an den Menschen gemäß der kirchlichen Interpretation, sondern der Mensch selbst. Das ist ein entscheidender Unterschied!
Die Natur - ich vermeide aus Respekt anders Gläubiger oder „Ungläubiger“ den Begriff „Gott“ - bringt also als Sämann eine Saat in Form von Menschen auf dieser Erde aus, und wie ein Saatkorn ist der Mensch noch nicht das, was er sein könnte, sondern nur ein möglicher Bauplan.
In der weiteren Folge betrachtet das Gleichnis die möglichen Schicksale dieser gesäten Menschen-Baupläne:
„…vieles fiel auf den Weg, und die Vögel fraßen es“
Hier wird der übliche „Weg“ des Menschen beschrieben, der seines automatischen Heranwachsens, seine Sozialisation sozusagen, die Bildung seiner Persönlichkeit, und die ist überwiegend verstandesorientiert, manchmal auch ein wenig herzensorientiert: man richtet sich ein in einer Welt der Abwägung von Vor- und Nachteilen, von angenehm und unangenehm, von Gewinn und Verlust. Der menschliche Geist ist sein eigenes Himmelreich, in ihm schmiedet er Pläne für seine Zukunft. Der Geist, der Intellekt wird hier durch das Bild der Vögel repräsentiert. Hier wird erfahrungsgemäß nur ein lediglich funktionierendes Sozialwesen heranwachsen, das sich auf die Kräfte seiner Persönlichkeit verlassen können muss, und das sich oft von den Anlagen seines angeborenen Wesens und damit verbundenen authentischen Interessen schmerzlich verabschieden muss.
Wir werden später über eine mögliche Entwicklung des Wesens eines Menschen weitersprechen, die allerdings nicht wie das Wachstum der Persönlichkeit automatisch durch Umstände erfolgt. Wir haben hier also lediglich die automatische Entwicklung des Durchschnittsmenschen beschrieben.
„…vieles fiel auf den Felsen mit wenig Erde, und es wuchs zu schnell und die Sonne verdorrte es, da es keine tiefen Wurzeln hatte“
„Felsen“ oder „Stein“ steht in der alten Sprache oft für eine bestimmte Art von Wahrheit, die noch nicht vollständig ist. Die ersten Regeln der Menschheit wurden in „Stein“ geschrieben als Mosaisches Gesetz - unflexibel, kontextfrei, missverständlich und sehr interpretationsfähig und -bedürftig. Das alte Wissen kennt aber auch zwei weitere Stufen der Entwicklung von Wahrheit: „Wasser“ und „Wein“. Während „Wasser“ bereits einen inneren Quell von Wahrheit im Menschen selbst repräsentiert, dessen Quelle nicht versiegen kann und sich erfolgreich kontextsensitiv zeigen kann ist „Wein“ schließlich die höchste Form von Wahrheit: das „Richtige“ und das „Gute“ hat sich im Wesen des Menschen manifestiert - er hat begonnen wirklich zu „verstehen“. Verstehen ist mehr als nur Wissen, das wird heute häufig missverstanden. Verstehen repräsentiert ein Wissen, dass auch erfahren wurde.
Und die „schnell“ aufgehende Saat beschreibt natürlich auch eine Euphorie, die sich gerne in Ideologien auftürmt, die einen feurigen Einsatz für gesellschaftliche Vorstellungen und Veränderung indiziert, die ebenso schnell nach kurzer Zeit aber wieder in der Versenkung verschwinden.
„…vieles fiel unter Dornen, die es erstickten“
Welche Art Menschen könnte das wohl beschreiben? Dies könnten die Menschen sein, deren Alltag ihnen keine Zeit lässt, über sich selbst oder ihre Mitmenschen überhaupt ernsthaft nachzudenken und mitzufühlen. Der tägliche Trott ist ihr Leben geworden, vielleicht hier und da ein Highlight in Form eines Urlaubs, eines Hobbies, eines Lottogewinns, oder gar das Streben nach ständigen Kicks, um das langsam erstickende Lebensgefühl zu kompensieren. Nicht umsonst nehmen in modernen Gesellschaften psychische Erkrankungen, insbesondere Depressionen, beharrlich zu.
„…der Rest fiel auf gute Erde und erbrachte 30, 60 und 100 fach Ertrag“.
Hier endlich sind wir bei den „gewünschten“ Erträgen des Sämannes (der Natur): die Ernte des wahren Mensch. Auch hier gibt es verschiedene Grade der möglichen Entwicklung eines jeden Menschen.
Nun ist ja das Geheimnis eines jeden Saatkorns, dass es selbst dann, wenn es nicht im Sinne des eigentlichen Zweckes „aufgeht“, dennoch niemals nutzlos bleibt im Gesamtkontext der Natur. Kann die Saat nicht keimen, dann dient sie eben anderen Lebensformen als sich selbst z.B. als Nahrung: Vögel, Nagetiere usw. werden Verwendung dafür finden.
Aber kommen wir zurück auf die w.o. angedeutet Entwicklung des „Wesens“ eines Menschen im Kontext der automatischen Entwicklung seiner „Persönlichkeit“ im sozialen Umfeld.
Jedes Saatkorn besteht aus einem Kern und einer Hülle, und wie bei einem Hühnerei sind hier also zwei Komponenten enthalten: der Keimling und das spätere Küken selbst, und eine erste Nährstoffschicht für den heranreifenden Keim oder das Küken, also um den Kern herum angesiedelt.
Analog verhält es sich mit den zwei Aspekten „Wesen“ und „Persönlichkeit“ des Menschen. Das „Wesen“ stellt den Kern des Menschen da, seine Veranlagungen, Talente, das Angeborene. Die „Persönlichkeit“ stellt das Erworbene dar, dass geprägt wird von seiner Sozialisation. Die Persönlichkeit ist also die nährende Hülle um das Wesen, bis etwa bis zum Eintritt in das Schulalter diese Hülle der Persönlichkeit derart wächst, dass das eigentliche Wesen sich nicht automatisch weiterentwickeln kann. Es stagniert zunächst zugunsten der weiteren Persönlichkeitsentwicklung.
Die Entwicklung der Persönlichkeit ist notwendig, bis sich ein ausgereiftes, menschliches Mitglied in der Gesellschaft etabliert hat, das für sich und seine Lieben sorgen kann. Man könnte sagen, das menschliche Wesen ist irgendwann zu einem „guten Haushalter“ herangewachsen und kann sich nun anderen Herausforderungen zuwenden.
Die neue Herausforderung ist dann eigentlich die alte, nämlich die damals unterbrochene Entwicklung des eigenen Wesens wieder aktiv aufzunehmen. Sie erfordert eine gewisse Anstrengung und Selbsstreflexion, also etwas, was den bis dahin gewordenen Menschen aus seinem „Schlaf“ des lediglich mechanischen Funktionierens in Form seiner Persönlichkeit reißt, aus seinem mechanischen Reagieren auf äußere und innere Reize.
Fassen wir nochmal zusammen, was wir zur „Natur des Menschen“ erfahren haben:
Der biologisch geborene Mensch ist tatsächlich menschlich unfertig, und das, was zur Entwicklung des wahren Menschseins erforderlich ist, ergibt sich nicht automatisch über sein normales Umfeld.
Das normale Umfeld ist genau das: was muss ich tun, um anerkannt zu sein, wie mache ich mich in den Augen der anderen verdient und wie vermeide ich es, zu versagen oder gar schuldig zu werden.
Bei mancher Menschensaat meldet sich aber urplötzilch durch andere als normale Einflüsse ein Drang, einen Schritt weiter zu gehen. Das „normale“ Leben mit den üblichen Funktionsmechanismen, füllt sie nicht mehr aus. Jene haben tatsächlich die Chance, sich zu wahren Menschen zu entwickeln. Diese anderen Einflüsse kommen aus diesen alten Weisheitslehren und ihren Begründern, die diesen Weg bereits gegangen sind.
Ein „Jesus von Nazareth“ ist in diesem Sinne eben keine Ausnahmerscheinung mit göttlichen Attributen, sondern im Gegenteil: er ist der Prototyp eines neuen, oder sagen wir lieber „wahren“ Menschen. Insofern meint „Göttlichkeit“ oder „Ebenbild Gottes“ eher das ausstehende Ziel eines jeden Menschen hin zu einem wahren Menschen auf dieser Erde.
Würden wir mit einer solchen Art von Mensch, die es natürlich vereinzelt auch schon gibt, eine kritische Masse auf der Welt erreichen, hätten wir endlich die „babylonische Sprachverwirrung“ überwunden und würden überall auf der Welt wieder mit einer Zunge sprechen, will sagen, wir würden uns gegenseitig wieder wirklich verstehen.
Solange aber die Mehrzahl der Menschen noch schläft, also noch nicht neugeboren ist, wird uns die babylonische Sprachverwirrung weiter in dem exerzieren von mechanischen Verhaltensweisen erhalten bleiben: Kriege, Katastropen, Schicksalsschläge.
Das Gute und das Böse
Was eigentlich ist die Bedeutung von gut und böse? In kirchlichen Kreisen wird hier auch von „Sünde“ und „Vergebung“ gesprochen. Kann ein Mensch „böse“ geboren werden? Gibt es überhaupt eine „Erbsünde“?
Wir haben es hier leider mit der Terminologie einer menschlichen Institution zu tun, die ihr eigentliches Erbe einer eigentlich unglaublichen und revolutionären Weisheitlslehre ganz und gar verfehlt hat.
„Sünde“ im Ursinne meint eigentlich „Verfehlung“. Da kann kein angeborenes „Böse“ gemeint sein, denn ein Saatkorn, welches statt aufzugehen von Vögeln weggepickt wird oder von Dornen erstickt wird, ist deshalb nicht als „böse“ zu bezeichnen - es hat schlicht nur seine Hauptbestimmung „verfehlt“ und wird dann eben einem sekundären Nutzen zugeführt. Dieser „sekundäre Nutzen“ ist auch nicht als Strafe zu bewerten, er dient lediglich dann anderen Zwecken. Oft aber auch schmerzlich für die Betroffenen.
Das Gute spielt eine Rolle z.B. in der Verwandlung von „Wasser“ in „Wein“ bei der Geschichte einer Hochzeit zu Kanaan im Neuen Testament. Da hat der Hochzeitsausrichter „Wasser“ in „Steinkrügen“ gelagert und unser bekannter Jesus von Nazareth soll nun angesichts des ausgehenden Weins bei der Hochzeitsgesellschaft für Nachschub sorgen. Hier wird nach christlicher Glaubenslehre ein Wunder beschrieben, wie ein echter und einmaliger „Gottessohn“ im wahrsten Sinne des Wortes Wasser in Wein verwandelt, um einer realen Hochzeitsgesellschaft beim Feiern aus der Patsche zu helfen. Hört sich doch irgendwie infantil an, oder?
Wir haben w.o. bereits erwähnt, dass „Stein“, „Wasser“ und „Wein“ in der uralten Menscheitssprache Bilder für Stufen von Wahrheit sind. Mancheiner wird nun kritisch einwenden, es kann doch nur eine Wahrheit geben - Stufen sind daher undenkbar.
Wie oft aber erkennen wir anhand unserer Geschichte, wie Dinge nach Ereignissen anders als vor Ereignissen bewertet werden? Die Wahrheit war sicher vor dem entsprechenden Ereignis bereits vorhanden, sie war aber erst nach dem Ereignis auch erkennbar, bzw. wurde dann erst verstanden.
Wahrheit hat also auch mit ihrem Erkennen und Verstehen zu tun, und Erkenntnisfähigkeit setzt eine gewisse Reife des Erkennenden voraus. Hier spielt neben Wissen in weit erheblicherem Ausmaß Erfahrung eine entscheidende Rolle. Ein schlichter „Faktenscheck“ wird an unserem Handlen noch lange nichts ändern, er entscheidet lediglich über „richtig“ und „falsch“ was unsere Argumentationen betrifft. Er verändert nicht automatisch auch unser Handeln.
Auch ist das Verhältnis von „Gut“ und „Wahrheit“ nicht so einfach. Etwas Wahres muss nicht auch gut sein, und etwas Gutes muss nicht unbedingt wahr sein.
Der Begriff „Hochzeit“ ist psychologisch hier wohl wenig falsch zu verstehen: es geht um die Vereinigung von Persönlichkeitsanteilen in jedem von uns, nicht um eine historische Veranstaltung. Dabei spielen, Wahrheit, Wissen, Erfahrung und das Gute eine entscheidende Rolle.
Wahrheit in Form von „bitterem Wasser“ in heiligen Schrifften zitiert, kann auch sehr schmerzlich sein, denn sie hat zunächst nicht automatisch mit unserer Erfahrung zu tun. Eine schmwerzliche Erfahrung kann zu neuen Erkenntnissen und zu eine neuen Sicht auf Wahrheit führen.
Das „Gute“ hingegen ist mit etwas verbunden, was wir Gewissen nennen. Gewissen hat zunächst nichts mit Ethik und Moral zu tun: Gewissen ist eine innere Instanz im menschlichen Wesen, die überkulturell und universal ist - sie ist aber leider je nach Wesensentwicklung eines Menschen stärker oder schwächer ausgeprägt. Gewissen ist nicht erlernbar, es ist angeboren, es ist also Teil des Wesens und nicht der Persönlichkeit eines Menschen. Moral und Ethik sind erwerbbar, gesellschaftlich und sozial vermittelbar und damit Teil der Persönlichkeit. Ein Mensch kann aber „ehrenwert“ erscheinen und dennoch sich gewissenlos verhalten. Ethik und Moral eines Menschen können gesellschaftlich bewundert und geächtet werden. Gewissen aber ist eine Instanz, über die nur der betroffene Mensch selbst verfügt oder eben nicht.
Das Gewissen ist immer nur dem Guten verpflichtet, nicht der Wahrheit. Ich muss kein schlechtes Gewissen haben, wenn ich nicht immer die Wahrheit gesagt habe, also gelogen habe. Ich habe dieses schlechte Gewissen erst dann, wenn daraus auch etwas Böses entstanden ist, etwas, was meiner Intuition des Guten widerspricht und anderen offensichtlich schaden könnte.
Nun verfügt jeder Mensch je nach dem Reifegrad seines Wesens über unterschiedliche Ausprägungen des Gewissens und damit auch seiner persönlichen Vorstellung von Wahrheit.
Ein Räuber, der sich fremdes Eigentum aneignet, wird sich nicht als böse empfinden. Er handelt gemäß seiner eigenen, aktuellen Vorstellung von „gut“: er nimmt sich, was er braucht. Sein Begriff von einer „guten“ Handlung hat weniger mit den Auswirkungen seines Handelns auf andere etwas zu tun, als mit seiner eigenen Handlungsmotivation - er will sich selbst was gutes tun, mit den Mitteln, über die er verfügt. Er will nicht böse sein, er will einfach sich was gutes tun, indem er nur an sich selbst denkt. Er wird sich rechtfertigen: der, dem ich was gestohlen habe, hat ja noch genügend.
Es mag auch einen Robin Hood geben, der anderen nimmt um wieder anderen zu geben. Ein solcher Mensch steht vermutlich in höherem Ansehen als ein schlichter Dieb, denn er betreibt ja in Wahrheit eine Umverteilung der Eigentumsverhältnisse von reich nach arm.
Gut und böse und richtig und falsch sind also keine sich widersprechende Kategorien, zwischen denen man entscheiden müsste oder gar könnte. Entsprechende Entscheidungen in die eine oder andere Richtung sind daher auch nicht erzieherisch vermittelbar oder korrigierbar - sie sind lediglich sozialisierbar. Man kann sie plausibel machen, um dem Täter die Folgen für sich und andere sichtbarer zu machen. Das alles hat aber nichts mit Gewissensbildung oder wahrer Menschwerdung zu tun. Gewissen ist ein Geburtsrecht als Teil unseres Wesens. Letzteres muss im Zweifel aber erst entwickelt werden, ein individueller Lernprozess über persönliche Erfahrungen, angeleitet durch ein Wissen von Menschen, die dieses Wesen bereits selbst entwickelt haben.
Das richtig und falsch, Wahrheit und Lüge gegenüber dem Guten nachrangig sind, wird uns bei vielen Auseinandersetzung des Jesus von Nazareth mit den damaligen religiösen Führen, den Pharisäern berichtet: für Pharisäer gilt Gesetz und Recht und damit die einfache Form von Wahrheit mehr als das Gute. Wer am Sabatt Ähren rauft, um seinen Freunden den Hunger zu stillen, verstößt zwar gegen das Gesetzt, er handelt aber zum Guten. „Pharisäer“ meint also keine bestimmte, historische Gruppe, sondern beschreibt allgemein jenen Menschenschlag, der Gesetzestreue jeder Art von Barmherzigkeit vorzieht, an jedem Ort und in jedem Zeitalter.
Die Wahl
Wählen kann nur jemand, der auch die Macht dazu hat. Was glauben Sie? Können „schlafende“ Menschen überhaupt Macht über sich haben und damit über ihre Entscheidungen? Andere Menschen können über einen Menschen schneller Macht haben als er über sich selbst.
Hier stoßen wir auf ein weiteres Phänomen, dass bis heute nur im pathologischen Raum von psychischen Erkrankungen bekannt ist: „Multible Persönlichkeiten“ oder auch dissoziative Persönlichkeitsstörung.
Als Extremform und als Krankheitsbild ist uns das wohl bekannt. Nicht bekannt ist uns aber, wie das alte Wissen lehrt, dass diese Vielfalt an Identitäten in unserer Persönlichkeit, in jedem von uns bereits im Normalzustand fortwährend ihr Unwesen treibt.
Machen Sie einmal den Selbstversuch: Sie schreiben morgens auf, was Sie über den Tag eigentlich vorhaben. Am Abend legen Sie sich dann darüber Rechenschaft ab, was tatsächlich geschehen ist. Sie werden staunen!
Auch hier finden wir ein gutes Beispiel in unserer Weisheitslehre des Jesus von Nazareth, Mk 5,1-20:
Die Heilung des besessenen Geraseners
„51 Und sie kamen ans andre Ufer des Sees in die Gegend der Gerasener. 2 Und als er aus dem Boot trat, lief ihm alsbald von den Gräbern her ein Mensch entgegen mit einem unreinen Geist, 3 der hatte seine Wohnung in den Grabhöhlen. Und niemand konnte ihn mehr binden, auch nicht mit Ketten; 4 denn er war oft mit Fesseln und Ketten gebunden gewesen und hatte die Ketten zerrissen und die Fesseln zerrieben; und niemand konnte ihn bändigen. 5 Und er war allezeit, Tag und Nacht, in den Grabhöhlen und auf den Bergen, schrie und schlug sich mit Steinen. 6 Als er aber Jesus sah von ferne, lief er hinzu und fiel vor ihm nieder 7 und schrie laut: Was willst du von mir, Jesus, du Sohn Gottes, des Allerhöchsten? Ich beschwöre dich bei Gott: Quäle mich nicht! 8 Denn er hatte zu ihm gesagt: Fahre aus, du unreiner Geist, von dem Menschen! 9 Und er fragte ihn: Wie heißt du? Und er sprach: Legion heiße ich; denn wir sind viele. 10 Und er bat Jesus sehr, dass er sie nicht aus der Gegend vertreibe.
11 Es war aber dort an den Bergen eine große Herde Säue auf der Weide. 12 Und die unreinen Geister baten ihn und sprachen: Lass uns in die Säue fahren! 13 Und er erlaubte es ihnen. Da fuhren die unreinen Geister aus und fuhren in die Säue, und die Herde stürmte den Abhang hinunter in den See, etwa zweitausend, und sie ersoffen im See.
14 Und die Sauhirten flohen und verkündeten das in der Stadt und auf dem Lande. Und die Leute gingen hinaus, um zu sehen, was geschehen war, 15 und kamen zu Jesus und sahen den Besessenen, wie er dasaß, bekleidet und vernünftig, den, der die Legion unreiner Geister gehabt hatte; und sie fürchteten sich. 16 Und die es gesehen hatten, erzählten ihnen, was mit dem Besessenen geschehen war und das von den Säuen. 17 Und sie fingen an und baten Jesus, aus ihrem Gebiet fortzugehen.
18 Und als er in das Boot trat, bat ihn der Besessene, dass er bei ihm bleiben dürfe. 19 Aber er ließ es ihm nicht zu, sondern sprach zu ihm: Geh hin in dein Haus zu den Deinen und verkünde ihnen, welch große Wohltat dir der Herr getan und wie er sich deiner erbarmt hat. 20 Und er ging hin und fing an, in den Zehn Städten auszurufen, welch große Wohltat ihm Jesus getan hatte; und jedermann verwunderte sich.“
Eine eigenartige Geschichte, und sie wurde in der christlichen Historie folgerichtig zur Vorlage für kirchlichen Exorzismus. Das Verstehen von symbolischen Zusammenhängen als reale, äußerliche Gegebenheiten führte immer wieder zu aberwitzigen Glaubenslehren, die natürlich im Widerspruch zu jeglichen, bald aufkommenden Wissenschaften standen und noch stehen.
In der Geschichte aber wird das Wesen eines „Stein-Menschen“, also des üblichen Normalbürgers, der an Recht und Gesetz glaubt, beschrieben als einer, der sich selbst „Legion“ nennt, „denn wir sind viele“. Er schlägt sich mit Steinen, also mit äußerlichen Wahrheiten herum, fühlt sich angekettet und war dazu verdammt, sich in Höhlen, in der Dunkelheit aufzuhalten.
Hier haben wir ihn wieder, den normalen, schlafenden Menschen, allerdings diesmal in einem drastischeren Bild, das eher an eine Irrenanstalt erinnert. Aber ist diese Welt angesichts menschlicher Handlungen nicht auch ein Irrenhaus?
Eine Erklärung dafür aber, dass Menschen nicht so handeln, wie sie es eigentlich vor haben, lässt sich auf dieses Phänomen zurückführen. Wenn im eigenen Geist eines jeden Menschen zu jederzeit ein anderer Akteur die Bühne betritt, der für sich selbst aktuell dann immer die Autorität eines „Ichs“ beansprucht, kann keine stringente und konsistente Handlung erwartet werden.
Die einzelnen, unterschiedlichen „Ichs“, die da abwechselnd zu jeder Zeit die Bühne der Persönlichkeit eines Menschen betreten können, wissen voneinander ja nichts, jeder dieser Akteure aber erhebt den Anspruch in einer bestimmten Situation, selbst dieses autorisierte „ich“ zu sein, also die handelnde Person schlechthin.
Diese multiblen „Ichs“ sind der Grundaufbau unserer Persönlichkeit: wir speichern all unsere Vorlieben und Abneigungen im Laufe unserer Entwicklung als eigenständige Ich-Zusammenhänge. Die aktuelle Wissenschaft bestätigt dies bisher nur in pathologischen Zusammenhängen wie Traumatas und Persönlichkeitsstörungen. Die „Störung“ allerdings war latent bereits vorhanden, und tritt dann offen sichtbar auch für andere zu Tage.
Das ist eine bittere Wahrheit, die uns das alte Wissen hier lehrt: wir sind tatsächlich nicht Herr unserer selbst. Wir leben also in der Illusion, wir seien eine Einheit, ein Ich, eine Person. Diese Illusion wird durch unseren Körper vermittelt, der ja einer ist, durch unseren Namen, mit dem wir ständig gerufen werden, der ja einer ist, und unsere Empfindungen in unserem Körper, die sich ständig ja wiederholen und den Eindruck einer „Einheit“ verstärken.
„Jeder Gedanke, jedes Gefühl, jede Empfindung, jeder Wunsch, jedes „ich mag“ oder „ich mag nicht“ ist ein „Ich““…sagt P.D. Ouspensky in seiner Psychologie der möglichen Evolution des Menschen.
Wir erinnern uns immer nur an das letzte „Ich“, dass gerade die Bühne betreten hatte und ggf. eine tatsächliche Handlung initiert hat und wundern uns später, was wir vergessen haben, oder wo wir uns in Widersprüche und Rechtfertigungen in der Folge verstrickt haben.
Die gute Nachricht: wir können aber Herr unserer selbst werden. Leider lehrt uns das keine staatliche Bildungseinrichtung und auch keine der üblichen privaten Bildungseinrichtungen.
Es geht hier aber wie gesagt auch nicht darum, das Gesagte einfach zu „glauben“, es muss konkret von uns selbst auch erfahren werden. Der Weg zu einem „geeinten ich“ ist nicht automatisch und bedarf täglicher, intensiver Anstrengungen der Selbsbeobachtung. Ich muss lernen, meine eigenen, inneren Akteure und ihre Widersprüchlichkeiten wahrzunehmen. Das kann Monate, ja sogar Jahre intensiver Anstrengung erfordern.
Aber natürlich: wenn ich bereits glaube, ich sei bereits ein handlungsfähiges Ich, werde ich aus meinem Schlaf nicht wirklich aufwachen. Die beste Möglichkeit, jemanden seiner Freiheit zu berauben besteht darin, ihm seine Freiheit einzureden.
Ich hoffe, ich konnte ein wenig dazu beitragen zu erkennen, dass kindlich daherkommende Wahrheiten in Form von Geschichten, Märchen, Legenden, Mythen nicht der schnöden Unterhaltung und der Schmunzelei dienen, sondern im Gegenteil handfeste Hinweise und dazu geeignet sind, unsere reale Welt vollständig und zum Positiven zu verändern.
Wir werden diese Veränderung aber nicht über Politik, Wirtschaft, Technik oder militärische Auseinandersetzungen erreichen, solange sich jeder von uns im Schlafzustand befindet - das haben wir nun bereits seit Menschengedenken erfolglos exerziert: und ewig grüßt das Murmeltier!
Diese Art von Veränderung bedarf der Veränderung des Menschen selbst: er muss erstmal Mensch werden, erst dann wird er nicht mehr unmenschlich handeln.
Wir hatten eingangs von dem göttlichen Bauplan des Menschen mit drei Steuerungszentren gesprochen:
- Motorisches Zentrum
- Emotionales Zentrum
- Mentales Zentrum
In einem Menschen, der die Kontrolle seiner vielen „ichs“ nicht erreicht hat, arbeiten diese drei Zentren, unsere drei Gehirne sozusagen, entsprechend unkoordiniert: ein Zentrum übernimmt dann z.B. fälschlich die Aufgabe eines anderen.
„Mechanisches Reden“ z.B tritt ein, wenn das motorische Zentrum eine Aufgabe übernimmt, die eigentlich im Zuständigkeitsbereich des emotionalen und/oder des mentalen Zentrums liegt, jetzt aber vom motorischen Zentrum übernommen wird.
Jeder von uns kennt das aus eigener Erfahrung: oft erinnern wir uns erst gar nicht mehr an das Gesagte. Man liest ein Buch und merkt irgendwann, dass man gar nicht gegenwärtig ist. Der Austausch untereinander über Alltagsangelegenheiten an der Haust- oder Gartentüre führt oft zu mechanischen Unterhaltungen, die eher reiz-reaktionsgesteuert ablaufen als wirklich bewusst fundiert und reflektiert.
Hier liegt auch der Grund der inzwischen erkannten Gefahren bei der Nutzung sozialer Medien: verbreitete Verschwörungstheorien sind oft Ausdruck einer „Redesucht“, die unter Ausschaltung der eigentlich zuständigen Zentren erfolgt. Es werden Links vorschnell geteilt, die erst gar nicht selbst überprüft wurden, es reicht die oberflächliche, gegenwärtige Zustimmung, getragen von einem allgemeinen nicht näher hinterfragten Unwohlsein. Die Gefahr dieser Art „mechanischen“ Geredes ist digital noch viel gefährlicher: sie ist schneller und globaler in der Wirkung.
Wir sprechen i.d.R. auch erst dann von einer „Lüge“, wenn bewusst die Unwahrheit verbreitet wird. Die „Lüge“ fängt leider viel früher an und betrifft unser Kommunikationsverhalten: man behauptet etwas, das auf Hören-Sagen beruht, man gibt vor etwas zu wissen, was man aber nicht tatsächlich weiß und manchmal auch gar nicht wissen kann - so zu tun, als ob man wüsste. Ein überwiegender Prozentsatz unserer Konversationen läuft leider so ab, und nicht nur an den Stammtischen.
Dieser „babylonische“ Zustand der Sprachverwirrung ist direkte Folge unseres gegenwärtigen Mangels an Selbstreflektion.
Der Weg aus der Misere liegt in einer bewussten Selbstüberprüfung des eigenen Denkens, Fühlens und Handelns. Es geht nicht um Selbstverurteilung, es geht schlicht um Selbstbeobachtung: wie funktioniere ich gerade, in dieser Situation? Welches Zentrum in mir arbeitet gerade? Bin ich wiedereinmal einer Selbstlüge aufgesessen, ich wüsste zu einem gegebenen Thema tatsächlich etwas aus erster Hand?
Wissen und Erkenntnis sind zwei paar Stiefel. Ich kann mehr wissen als ich erkenne und ich kann weniger wissen und mehr erkennen. So kann ein einfach gebildeter Bauer auf dem Lande mehr vom Leben verstehen, mitfühlender mit seinen Nachbarn sein, als ein intellektueller Stadtmensch, der über akademische Bildung verfügt, alle technischen Hilfsmittel beherrscht und mit der Welt digital verbunden zu sein scheint.
Diese Diskrepanz wird auch gerde sehr deutlich bei den Diskussionen um den Krieg in der Ukraine. Da gibt es die Denker, die hoch Gebildeten, ausgerüstet mit dem Wissen der großen Philosophen, mit ausgeklügelten moralischen und ethischen Argumenten, die in schierer Verzweiflung angesichts von bastialischer Gewalt eines Aggressors Putin dennoch Zuflucht in einem bedingungslosem Pazifismus suchen: es muss doch einen anderen Weg zur Beendigung des Krieges in der Ukraine geben als Waffenlieferungen. Es muss doch jemanden geben, der Putin überzeugen kann, den Krieg zu beenden.
Hört man jenen zu, die vor Ort sind und waren, die teilweise ähnlicher Ansicht waren und nun entsetzt mit ihren persönlichen Erfahrungen durch Gespräche mit Betroffenen nach Hause zurückkehren, sieht es anders aus.
Die hohe Ethik und Moral des „Frieden schaffen ohne Waffen“ funktioniert im Frieden - im Krieg funktioniert sie leider nicht. Der Wunsch, menschliches Leid endlich zu beenden, ist verständlich aber die Schlussfolgerungen, wie dies in der aktuellen Situation erfolgen könnte, sind von pazifistischer Hilflosigkeit geprägt. Es werden Eskalationsausreden formuliert: man dürfe den Aggressor nicht provozieren, es droht der 3. Weltkrieg, gar ein Atomkrieg.
Die wirklich Betroffenen sehen das gerade ganz anders - sie rufen nach Waffen um Hilfe, um sich wehren zu können.
Mancher Zuschauer im Ausland hingegen, auf höchstem intellektuellen Niveau der Selbstgerechtigkeit angekommen, stellt ernstlich bereits auch schon die Frage: wieviel eigene Menschen will die Ukraine in diesem aussichtslosen Krieg denn noch opfern und wieviel tote russische Soldaten ebenfalls in Kauf nehmen?
Hier klaffen „Wissen“ (hier ethisch, moralisch, historisch) und „Verstehen“ (persönliche Erfahrung) offensichtlich eklatant auseinander.
Solange wir uns alle noch im Schlafzustand befinden, kann es keinen wirklichen Pazifismus geben. Bis dorthin hilft auch in diesem Krieg nur Pragmatismus und schlichter menschlicher Beistand für den Angegriffenen und eigentlich Unterlegeneren, auf allen Gebieten.
Putin selbst ist das Extrembeispiel eines Menschen, der inzwischen in Tiefschlaf verfallen ist. „Die Vögel“ haben sein „Saatkorn“ weggepickt und er frönt einer Ideologie der vergangene Größe Russlands. Der „sekundäre Nutzen“, den die Natur, unsere Welt, als „Sämann“ daraus haben könnte, ist die endgültige Beendigung von Faschismus und Nationalismus, denn es ist absehbar, dass Russland auf Jahrzehnte seinen Ruf in der Welt bereits verspielt hat. Ihm wird China bald folgen, mit seiner ebenfalls autokratischen Führung und damit verbundenen Fehlkalkulationen: die null Covid Strategie und der Schulterschluss zu Putin des dortigen Führers macht gerade die wirtschaftlich angestrebte Expansion ebenfalls zu nichte.
Aber, all dies sind lediglich mechanische Zusammenhänge in einer schlafenden Menschheit.
„Herr vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun“!
