von Alexander Dubowy
Andrew Tate (@primetateHQ) lobt Russland als Land, das "eine maskuline Bevölkerung nicht fürchtet". Der Satz ist nicht nur falsch, er erlaubt auch einen tiefen Blick in jene romantisierenden Russland-Vorstellungen, die im Denken der postmodernen Rechten fest verankert sind.
Schon demographisch ist das Bild geradezu grotesk. Russland gehört zu den Staaten mit besonders deutlichem Frauenüberschuss. Nur rund 46 Prozent der Bevölkerung sind Männer, zugleich liegt die Lebenserwartung russischer Männer gut elf Jahre unter jener der Frauen. Was Tate also für Stärke hält, ist in Wahrheit ihr genaues Gegenteil.
Die russische Männlichkeitsinszenierung ist nämlich kein Ausdruck einer robust gewachsenen patriarchalen Ordnung, sondern vielmehr eine kompensatorische Ideologie. Sie überdeckt eine Gesellschaft, die seit mehr als einem Jahrhundert immer wieder von männlicher Übersterblichkeit, Kriegen, Repressionen und Gewalt geprägt wurde.
Die Nachkriegsgenerationen wuchsen vielfach ohne Väter auf, oft ganz ohne verlässliches männliches Vorbild; erzogen von Frauen - Müttern, Großmüttern und älteren Schwestern, die zugleich den Alltag tragen und arbeiten mussten. Die Männer fehlten indessen, starben früh oder kehrten aus dem Krieg und Lagern als gebrochene Figuren zurück.
Das Ergebnis war eine pseudopatriarchale Ordnung: faktisch von Frauen getragen, symbolisch aber sehnsuchtsvoll an einer abstrakten Vorstellung von Männlichkeit ausgerichtet. Denn auch viele Frauen hatten selbst kein stabiles männliches Vorbild erlebt. Sie gaben daher oft kein gelebtes Modell von Männlichkeit weiter, sondern ein vages Idealbild, das zwischen Sehnsucht und sozialer Härte oszillierte.
In diese Leerstelle traten der Kodex der Straße, der Armee, des Straflagers und der kriminellen Unterwelt, also jener Räume, in denen Männer tatsächlich dominierten und Gewalt als Grundpfeiler sozialer Ordnung galt. Später griff der Kreml diese imaginären Männlichkeitsideale dankbar auf, nicht nur als Spiegel der gesellschaftlichen Wunschvorstellungen, sondern auch als kalkuliertes Identitätsangebot gegen den Westen. Das Ergebnis war ein staatlich inszenierter Männlichkeitskult: Verachtung von Schwäche, Gewaltästhetik, schleichende Militarisierung und, als symbolischer Höhepunkt, die Inszenierung Wladimir Putins als körperlich dominante Übervaterfigur.
Die eigentliche Pointe dieser allrussischen Tragödie, die Tate wie vielen anderen entgeht: Das russische Männlichkeitsideal ist nicht trotz, sondern wegen der demographischen und sozialen Schwäche so dominant und toxisch. Es ist das Symptom einer Gesellschaft, die ihr Trauma nicht verarbeitet, sondern verleugnet und in äußere Härte übersetzt. Russland fürchtet keine maskuline Bevölkerung, weil diese real nicht existiert.
Russlands Krieg gegen die Ukraine vertieft genau jene Wunde, aus der dieser Kult der Pseudomännlichkeit seine politische Energie bezieht. Er produziert neue vaterlose Familien, neue soziale Härte und neue Gewaltbiographien. Damit sorgt Putin verlässlich dafür, dass Russland aus diesem Teufelskreis noch auf lange Zeit nicht ausbrechen kann.
Die Folgen:
